Monopolvorwürfe Googles Datenmacht zahlt sich aus

Wer im Internet etwas sucht, der sucht es bei Google. Ist der Konzern zum gefährlichen Monopolisten der Wissensgesellschaft geworden? Bisher gibt es keine Anzeichen von Missbrauch - es ist sogar im Interesse der Nutzer, mehr Daten auf den Heuhaufen zu werfen.

Ein Kommentar von Bastian Brinkmann

Es klingt ein bisschen unheimlich: Google weiß, welche Krankheiten der Nutzer hat, denn die Suchmaschine ist oft der erste Arztbesuch. Google weiß, welche Schauspieler man attraktiv findet, wenn man die Bildersuche nutzt. Google weiß sogar, wann man ins Bett geht, wenn man bis in die Nacht mit Googles Browser US-Serien schaut. Das ist der Preis für viel guten Service, und viele Millionen Nutzer zahlen ihn freiwillig.

Wirklich? Oder haben sie keine Wahl, weil Google zu mächtig geworden ist?

Wer "suchen" denkt, denkt an Google. 2004 schaffte es der US-Konzern in den Duden: "Googeln" steht für Recherche im Internet. Allein in Deutschland tippen die Menschen Tag für Tag Millionen Stichwörter ein. Die Suchergebnisse ordnen unser Denken: Was oben steht, ist wichtig und wird geklickt. Google beherrscht den deutschen Markt, andere Suchmaschinen haben Anteile, die man mit der Lupe suchen muss.

Kein Wunder, dass Google immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt ist, ein Monopolist zu sein, ein zu mächtiger Krake. Zusätzliche Angebote wie der E-Mail-Dienst Gmail oder der Internetbrowser Chrome, der an diesem Montag vor fünf Jahren gestartet ist und seitdem in vielen Ländern andere Anbieter verdrängt hat, stärken die Marktmacht des Konzerns zusätzlich.

Doch von einem Monopol kann keine Rede sein. Google verhält sich im Gegenteil größtenteils nutzerfreundlich; vorausgesetzt, man ist damit einverstanden, dass die eigenen Daten in einem großen Heuhaufen verschwinden. Dann macht es sogar Spaß, Google zu nutzen. Gmail ist wahrscheinlich der komfortabelste E-Mail-Dienst, der ohne Bezahlung zu haben ist. Chrome ist der beste Browser, er läuft stabiler und schneller als andere.

Und dann natürlich die Suchmaschine. Alternativen wie Duckduckgo werben ausdrücklich damit, die Privatsphäre der Nutzer zu respektieren. Nichts wird gespeichert, nichts geschnüffelt. Das klingt toll. Doch wer ein paar Tage auf Duckduckgo umsteigt, der merkt: Die Suchergebnisse sind mau und oft nur durch nachsteuern, scrollen, weitersuchen zu gebrauchen.

Die Suchergebnisse werden besser, wenn die Nutzer mehr Daten hergeben. Bitter, aber wahr. Dazu kommt, dass Google ein Vielfaches an Nutzern hat. Die große Reichweite bedeutet, dass Google auch für Nischenanfragen gute Ergebnisse liefert. Wo ist das nächste Café, das laktosefreie Milch und Wlan anbietet? Google hilft, mit Karte. Das ist toll für die Nutzer - und ein Problem für mögliche Konkurrenten. Denn wenn die potenziellen Nutzer zu selten die Seite besuchen, zu wenige Suchbegriffe eingeben, dann kann der Algorithmus der Konkurrenz nicht lernen, was die Leute wollen. Es braucht sehr viele Zugriffe, um so kluge Datenbanken zu bauen wie Google. Es könnte sein, dass Nischenanbieter wie Duckduckgo die relevante Schwelle nie überschreiten.

Also doch ein Monopol? In den USA werden Yahoo und Microsofts Suchmaschine Bing deutlich öfter genutzt als in Deutschland, und beide machen Google so nervös, dass der Konzern innovativ bleibt. Der Suchalgorithmus wird ständig verbessert, allein im vergangenen Jahr ließ Google mehr als 75.000 kleine Tests laufen, um herauszufinden, ob sie den Service verbessern. Die Aktiengesellschaft Google - Milliardenumsatz, Zehntausende Mitarbeiter - ist trotzdem noch reformbereit wie ein Start-up.

Auch zu seinen wahren Kunden ist der Konzern äußerst freundlich. Die Rechnungen für die Server und Programmierer zahlen nicht die Suchmaschinennutzer, sondern Anzeigenkunden. Gesponserte Treffer auf der Suchmaschinenseite kann man aber nicht einfach so kaufen, man muss sie ersteigern. Angebot und Nachfrage bestimmen transparent den Preis - da geht marktliberalen Ökonomen das Herz auf.

Wer Google nicht mehr verwenden will, kann gehen. Das ist ein wichtiger Satz, denn er zeigt die Grenzen von Googles Macht auf. Niemand zwingt die Nutzer, Google zu fragen. Der Konzern selbst bietet einen Dienst an, der dabei hilft, Google zu verlassen. Das Angebot trägt den martialischen Namen Data Liberation Front, Datenbefreiungsbewegung. Ein paar Klicks, schon startet der Download.

Ja, Google kennt unsere Krankheiten und Schlafzeiten. Es gibt aber bisher keine Anzeichen, dass Google die Daten missbraucht, um eine Person auszuspionieren. Und wem die Wissensmacht doch zu unheimlich ist: Andere Angebote sind da. Man muss nur googeln.

Linktipps:

Die FAZ hat die These vertreten, dass Google ein Monopol ist; genauer: ein natürliches Monopol, weil der Markt für Suchmaschinen darauf ausgelegt sei, dass nur ein Anbieter erfolgreich sein könnte. Die Zeitung hat aber auch dagegen argumentiert, Google als Monopol zu betrachten und den Konzern entsprechend zu bestrafen, weil das neue innovative Unternehmensgründer abschrecken könnte.

Die Ökonomen Justus Haucap, der auch für die Monopolkommission arbeitet, und Christiane Kehder haben Googles Marktmacht analysiert (Papier als PDF). Sie machen Reformvorschläge, um diese Macht zu begrenzen. Demnach sollte Google etwa Suchergebnisse wie Anzeigen markieren, wenn sie auf eigene Angebote wie Gmail oder Chrome verweisen.

Auf dieser Seite verteidigt sich Google (auf Englisch) gegen Vorwürfe, der Konzern würde seine Marktmacht ausnutzen. Google-Kritiker und -Konkurrenten haben sich in der Initiative "Fair Search" zusammengeschlossen und präsentieren hier ihre Argumente.

Eine Beratungsfirma hat im Mai eine Umfrage unter deutschen Internetnutzer veröffentlich. Gefragt wurde, ob die Nutzer die Führungsrolle von Internetkonzernen kritisch sehen. Während eine Mehrheit Facebooks dominante Stellung als bedenklich verurteilt, findet fast jeder zweite Googles Dominanz "in Ordnung".