MIT-Professor Henry Jenkins über Vernetzung Wer profitiert

Süddeutsche.de: Doch wer profitiert davon, wenn ich mich mit Freunden über ein YouTube-Video austausche? Google als Eigentümer? Die Produzenten?

Jenkins: Um diese Frage zu beantworten, müssen wir das Web als einen Ort von Bedarfsgegenständen und Geschenken sehen. E-Commerce ist zum Kraftstoff geworden, der das Internet antreibt. Überall können wir Produkte kaufen. Gleichzeitig gibt es etwas wie YouTube, mit dem Google über Werbung Geld verdient, das aber für meine Freunde und mich eine Gemeinschaft schafft.

Süddeutsche.de: Aber der Wert dieser Gemeinschaft ist doch nur schwer zu ermitteln.

Jenkins: An dieser Stelle kommt das Konzept des Geschenks ins Spiel. Wenn ich einen Gegenstand im Laden kaufe, mache ich ihn zum Geschenk, indem ich das Preisschild abnehme und ihn weitergebe. Er hat dann zwar immer noch einen Wert, aber der Beschenkte freut sich doch nicht unbedingt darüber, dass der Gegenstand einen bestimmten Preis gekostet hat - der Wert für den Empfänger lässt sich nicht finanziell bemessen. Ähnlich verhält es sich mit dem Web: Aus klassischer ökonomischer Sicht mag YouTube für die meisten Nutzer keinen Wert erschaffen und Filesharing sogar für Verluste sorgen, aus Sicht der Geschenkökonomie entsteht wohl ein Wert, wenn ich ein YouTube-Video hochlade oder ein Musikalbum weitergebe. Es sind soziale Faktoren wie Anerkennung, die ihn schaffen und die mich motivieren.

Süddeutsche.de: Auf welche Felder wird sich die vernetzte Kultur in den kommenden Jahren am meisten auswirken?

Jenkins: Wenn ich das wüsste, würde ich eine Menge Geld verdienen (lacht). Die gegenwärtige Krise der politischen Kommunikation zeigt, dass wir gerade erst dabei sind, die Wirkung einer vernetzten Kultur zu verstehen. Natürlich müssen wir auch die Schulbildung stärker darauf auslegen, kollaborative Fähigkeiten zu fördern und gemeinsame Problemlösungsstrategien zu beobachten und zu bewerten. Es wird nicht mehr darum gehen, jedem Schüler die gleichen Dinge und Lösungsansätze beizubringen, sondern darum, dass jeder Verantwortung für einen Teil der Probleme übernimmt. Die Ironie dabei ist derzeit: In den gegenwärtigen Standardprüfungen gilt Kollaboration sogar als Betrug.

Das Interview fand telefonisch am Rande der FMX 2012 statt.