MIT-Professor Henry Jenkins über Vernetzung "Wir erleben eine Neuverteilung der Aufmerksamkeit"

Die Krise der politischen Kommunikation zeigt, dass wir gerade erst dabei sind, die Wirkung einer vernetzten Kultur zu verstehen. Sagt Medienwissenschaftler Henry Jenkins, der über die Folgen der Vernetzung durch das Internet forscht. Ein Gespräch über die Filesharing-Debatte, den Wert von YouTube und eine Schulbildung, in der Abschreiben erlaubt ist.

Interview: Johannes Kuhn

Der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins forscht am Massachusetts Institute of Technology (MIT) über die Folgen der vernetzten Kultur, die durch das Internet entstanden ist.

Süddeutsche.de: Herr Jenkins, jahrelang wurde Wikipedia als Beispiel für die Kollborationskultur im Netz genannt - auch, weil es nicht viel anderes gab. Nun haben wir Crowdfunding, Zusammenarbeit über Social Media. Wo in der Geschichte der Internet-Kollaboration befinden wir uns gerade?

Henry Jenkins: Ganz am Anfang des Moments, in dem die Öffentlichkeit eine immer größer werdende Rolle spielen wird. Informationen zirkulieren schneller, kleben nicht mehr an Medien wie früher. Das bedeutet im Umkehrschluss: Was sich nicht verbreitet, ist tot. Die Konsequenz ist eine Neuverteilung der Aufmerksamkeit.

Süddeutsche.de: Können Sie Beispiele nennen?

Jenkins: Die kollektiv generierte Aufmerksamkeit, die das Video zur Kampagne Kony 2012 erhielt, hat auch zu einer politischen Diskussion geführt. Das wäre vor einigen Jahren nicht möglich gewesen. Kleine Gruppen haben für ihre Anliegen ein Vehikel gefunden. Queremos beispielsweise ist eine Plattform in Rio de Janeiro, auf der Musikfans via Crowdfunding die Vorfinanzierung leisten, um bestimmte Bands in ihre Stadt zu holen. In anderen Fällen konnten Fans dafür sorgen, dass Hersteller Produkte wieder auflegten, die bereits länger nicht mehr im Sortiment waren. Wenn ein Mensch so etwas fordert, kümmert das in der Regel niemanden. Bei 2000 Menschen wird es interessant.

Süddeutsche.de: Die Möglichkeit der Kollaboration stößt aber auch an ihre rechtlichen Grenzen, wenn es zum Beispiel um Themen wie Filesharing geht.

Jenkins: Der englische Sozialhistoriker Edward Palmer Thompson hat den Begriff der moralischen Ökonomie geprägt, nachdem sich jedes Wirtschaftssystem nach einem inhärenten moralischen System entwickelt. Die Krise eines Wirtschaftszweiges ist deshalb auch eine moralische, und das prägt die Argumente. Die Musikindustrie sagt: Ihr würdet nie aus einer Geldbörse etwas klauen, also stehlt auch keine Alben im Netz. Der Leitspruch "Sharing is caring" hingegen betont den Wert eines offenen Systems und sieht in der alten Distributionsstruktur nicht die Bedürfnisse der Menschen befriedigt. Beide Standpunkte sind also moralische. Ähnliches gilt für die Frage, ob Werte erschaffen werden, wenn alles kostenlos verfügbar ist und niemand eine monetäre Entschädigung für den Produktionsaufwand erhält.

Süddeutsche.de: Gibt es einen Ausweg?

Jenkins: Es wird einen Mittelweg geben, auch wenn ich noch nicht weiß, wie er aussehen wird. Das Interessante ist doch: Erst jetzt sind wir an langsam an dem Punkt, an dem überhaupt alle in der Lage sind zu verhandeln. Die Proteste gegen Acta und Sopa waren deshalb so interessant, weil die vermeintliche Online-Welt dagegen gehalten hat und die Gesetzgeber zum Einlenken gezwungen hat - und das in einer Welt, in der bis dato Urheberrechtsgesetze von Firmen wie Disney quasi veranlasst wurden. Im Falle von Sopa hat der US-Kongress damit in diesem Bereich erstmals auf die Bürger gehört und Hollywood hat zur Kenntnis genommen, dass die Öffentlichkeit sich inzwischen für solche Themen interessiert. Das öffnet den Weg für zukünftige Verhandlungen.

Süddeutsche.de: Sie haben gesagt, dass es eine Debatte über die Werte gibt, die entstehen. Wie schafft eine vernetzte Kultur Bedeutungen und Werte?

Jenkins: Bedeutungen entstehen, wenn wir gemeinsam über Dinge nachdenken. Als 1990 Twin Peaks zum ersten Mal lief, verfolgte ich die Diskussionen von Fans im Netz. Während die Zeitungskritiker sich beklagten, die Serie sei zu kompliziert, beschwerten sich die Online-Fans, sie sei zu einfach zu verstehen und deshalb uninteressant. Der Unterschied: Die Kritiker sahen sich die Sendung alleine an, die Fans guckten gemeinsam online und diskutierten zwischen den Folgen miteinander. Sie hatten also mehr Material, um Sinn zu generieren, als das reine Sendematerial. Das ist nicht die Weisheit der Vielen, das sind kollaborative Akte.