Mit KI gegen Wilderer "Sie haben gedacht, es sei Zauberei"

Park-Ranger in Afrika setzen vermehrt Drohnen und Wärmebildkameras ein. So wollen sie Wilderern das Handwerk legen.

Von Kathrin Werner, Austin

Aus der Luft im Blick: Schwarznasen-Antilopen im Okavango-Delta in Botswana, Afrika.

(Foto: imago/blickwinkel)

Ntayia Lema Langas kann im Dunkeln sehen. Wenn der Ranger nachts mit seinem olivgrünen Geländewagen durch den Massai-Mara-Nationalpark in Kenia rast, erkennt er schon aus mehreren Meilen, wo sich die Wilderer mal wieder zu schaffen machen. "Vor ein paar Jahren haben die Wilderer angefangen, in totaler Finsternis zu arbeiten", erzählt Langas. "Das hat es für uns sehr schwer gemacht, sie aufzuspüren." Bis jetzt. Jetzt hilft ihm Technik, selbst wenn seine eigenen Augen nichts sehen außer tiefschwarzer Nacht.

Sein Team von der Mara Conservancy ist seit einigen Monaten mit kleinen Wärmekameras unterwegs, die man in der Hand halten kann. Auf einem Teil ihrer Fahrzeuge sind weitere Wärmebildkameras montiert mit langen Objektiven, die fast fünf Kilometer weit sehen können, und noch andere überwachen die Grenzen des Wildschutzgebiets. Die Kameras erkennen die Wärme, die Menschen und Tiere abgeben. Langas sitzt in seinem Wagen in der Dunkelheit und beobachtet die Daten auf dem Monitor. Wenn er das Wärmebild eines Menschen sieht, schickt er sofort seine Eingreiftruppe los und navigiert sie vom Wagen aus durch die Dunkelheit, um die Eindringlinge abzufangen.

3400 Wilderer verhaftet

Die Wärmebildkameras sind hochempfindlich. Wenn ein Mensch nur kurz gegen eine Wand schlägt, kann die Kamera danach einen Wärme-Handabdruck an der Wand ablesen. Langas kann erkennen, ob seine Ranger auf gefährliche Tiere treffen auf ihrem Weg zu den Wilderern, und er kann sie warnen, ob die Wilderer bereits in der Nähe von Elefanten oder anderen Zielen sind. "Wir können sie früh genug sehen und uns entsprechend organisieren", sagt der Einsatzleiter. "Früher haben sie uns überrascht, heute überraschen wir sie." In den vergangenen 16 Jahren haben Langas und seine Kollegen von der Mara Conservancy 3400 Wilderer verhaftet - Dank der neuen Technik besonders viele in den vergangenen Jahren. "Als wir die ersten Wilderer so gefunden haben, haben sie gedacht, es sei Zauberei", sagt Langas.

Wilderei ist ein riesiges Geschäft. Nach Schätzungen von Naturschützern verdienen Kriminelle mit illegal gejagten und verkauften Tierfellen, Häuten, Schildkröten-Panzern, Hörnern, Zähnen, Knochen, Fleisch, sonstigen Tierteilen und den Tieren selbst, tot oder lebendig, im Jahr etwa 20 Milliarden Dollar. Die Nachfrage nach Elefanten-Stoßzähnen und Nashorn-Hörnern ist so groß wie nie zuvor, die Zahl der Elefanten und Nashörner aber sinkt. Im März ist Sudan gestorben, das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn der Welt.

Andere Nashorn-Arten sind ebenfalls bedroht. Jedes Jahr seit 2014 schlachten Wilderer mehr als 1000 Nashörner ab, es gibt nur noch gut 30 000 von ihnen auf der ganzen Welt. Ihre Hörner sind zum Beispiel in Vietnam beliebt, wo sie als Medizin gelten und unter anderem als Zusatz zu Alkohol gegeben werden. Sie schützen angeblich vor einem Kater. Auf dem Schwarzmarkt bekommt man für Rhinozeros-Horn mehr als für Gold oder Kokain.

Je mehr die Wilderer einnehmen, desto mehr rüsten sie auf. Viele sind inzwischen bewaffnet, was den Kampf für die Wildtierschützer gefährlicher macht. Im Krüger-Nationalpark in Südafrika zum Beispiel, lieferten sich die Ranger vor Kurzem eine Schießerei mit zwölf Wilderern, die auf der Jagd nach Nashörnern waren. Zwei Wilddiebe starben, die anderen wurden verhaftet. Immer wieder sterben auch Ranger.

Die Parks haben nicht genug Mitarbeiter

Der Kampf gegen die Wilderer wird nun mehr und mehr zur Aufgabe für Hightech-Unternehmen. Die modernen Wärmebildkameras, mit denen Langas nachts durch den Massai-Mara-Park unterwegs ist, stammen von der Firma Flir Systems aus Oregon an der Westküste der USA, die auch Kameras an Polizeistationen, das Militär und an Autohersteller verkauft. Für das Anti-Wilderer-Projekt arbeitet Flir mit der Naturschutzorganisation WWF zusammen, die dafür einen Zuschuss in Höhe von fünf Millionen Dollar von Google bekommen und einen Teil der Technik entwickelt hat.

Ein Techniker installiert eine Solaranlage in einem Wildpark in Kenia. Sie versorgt Wärmebildkameras mit Energie.

(Foto: James Morgan/picture alliance)

"Nach einer Weile hat sich herumgesprochen, dass wir diese Technik verwenden", sagt Eric Becker, der das Projekt beim WWF leitet. "Die Wilderer kommen deshalb immer seltener in den Park." Der WWF hat die Kameras inzwischen in zehn verschiedenen Ländern in Afrika im Einsatz. Der Telekommunikationskonzern Cisco liefert einen Teil der Technik zur Übertragung der Daten. Gemeinsam arbeiten die Unternehmen, die Nationalparks und der WWF an künstlicher Intelligenz, die feststellen soll, ob die Kamerawärmebilder von einem Menschen oder einem Tier stammen.

Wenn ein Mensch identifiziert wird, soll der Computer einen Alarm an den Aufseher der Ranger senden, der dann die Eingreiftruppe losschickt. Die künstliche Intelligenz ist wichtig, weil die Parks nicht genug Mitarbeiter haben, um alle Bilder von den großen Gebieten ständig von Menschen untersuchen zu lassen. Ein Forscherteam der University of Southern California arbeitet ebenfalls an einem Programm mit künstlicher Intelligenz. Es soll vorhersagen, an welchem Ort im Park Wilderei stattfinden wird und den Rangern dabei helfen, ihre ständigen Patrouillen so zu steuern, dass sie unberechenbar sind, damit die Wilderer nicht wissen, dass sie kommen.

Das südafrikanische Unternehmen UAV & Drone Solutions fliegt im Auftrag der Lindbergh-Stiftung Drohnen über Wildparks in Südafrika, Malawi und Simbabwe und hat seit 2005 bereits 6000 Flugstunden mit Wärmebildkameras hinter sich. Demnächst will die Firma auch Einsätze über Botswana, Mosambik und Sambia fliegen. Auch Flir Systems, der WWF und der Mara-Park experimentieren mit Drohnen als Ergänzung. "Ich will dafür sorgen, dass die Tiere für immer weiterleben", sagt Langas. "Ich will, dass meine Kinder und die Kinder meiner Kinder sie bewundern können."

Robotergehirne brauchen Regeln

Menschen müssen Verantwortung für die Maschinen übernehmen, die sie entwickeln. Jetzt sind auch Politiker gefragt - doch die wenigsten haben Ahnung von Technologie. Kommentar von Kathrin Werner mehr...