Mit einer Blog-Kampagne wollte sueddeutsche.de für ein neues Produkt werben. Doch weil das gründlich schiefging, hagelte es im Netz Kritik.
Virales Marketing ist eine heikle Sache. Wenn es gutgeht, wirbt nicht die Firma, sondern deren Zielgruppe für ein neues Produkt. Doch wenn es schiefgeht, ist der Schaden groß. Denn was dann passiert, ist in den meisten Fällen das Gegenteil von Werbung.
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Marketing in Zeiten des Internets: Nicht nur Schlagworte (© Foto: iStock)
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Diese Erfahrung musste nun auch die Online-Tochter der Süddeutschen Zeitung machen. Die Werbe-Abteilung von sueddeutsche.de wollte mit viralem Marketing für die neuen Smartphone-Anwendungen ("Apps") werben. Sie hat dafür die Schweizer Firma Trigami beauftragt, die ihre Arbeit als "Social Media Marketing" bezeichnet.
Dahinter verbirgt sich ein Geschäftsmodell, in dem Unternehmen dafür zahlen, dass Blogger erst von Trigami auf ihre Produkte aufmerksam gemacht werden, um dann selbst andere darauf aufmerksam zu machen. In diesem Fall war das Interesse groß - aber anders als erhofft. "Peinlich, peinlich" titelte das Portal Upload-Magazin. Von "manipulierten App-Kritikern" war anderswo die Rede. Die Kritik wurde von vielen Kommentatoren geteilt. Zu Recht.
Textbausteine mitgeliefert
Die Trigami AG unterscheidet mehrere Angebote. Kunden können unter anderem sogenannte Advertorials buchen - ein Wortspiel aus Anzeige und Kommentar. Trigami verspricht den Auftraggebern auf der eigenen Website in diesem Fall "redaktionelle Berichte über Ihre Produkte".
Und mehr noch: "volle Inhaltskontrolle" und "100% positive Berichte". Ein anderes Angebot heißt "Text-Reviews". Dahinter, so die Beschreibung, stecken "redaktionelle Testberichte (...) mit Meinungsfreiheit". Die Blogger werden von Trigami bezahlt; je nach Aufwand und Bekanntheit gebe es meistens zwischen zehn und 150 Euro.
Die Marketingabteilung von sueddeutsche.de hat einer internen "Briefing-Checkliste" zufolge den Kampagnentyp Advertorial gebucht. Nun könnte man sich wundern, weshalb die Marketingabteilung eines Medienhauses eine Firma beauftragt, die etwas als "redaktionellen Bericht" bezeichnet, das inhaltlich voll kontrolliert wird und immer positiv ausfällt.
Doch in diesem Fall geschah noch mehr. Die teilnehmenden Blogger erhielten in der Ausschreibung ganze Textbausteine mitgeliefert. Unter dem Stichwort "Vorteile des Produkts aufzeigen" standen mehrere Vorschläge. "Die bekannt hohe journalistische Qualität von SZ und sueddeutsche.de kann jetzt auch komfortabel mit dem iPhone genutzt werden", hieß es.
Oder auch: "sueddeutsche.de hat eine Meinung." Von der "Stärke" der Autoren war die Rede, von den Informationsbedürfnissen moderner Menschen. Es gab auch Blogger, die dieses Lob so oder ähnlich verbreiteten. Laut Trigami wurden 25 Aufträge erteilt, sieben Rezensionen seien bis Montag erschienen. Sucht man die Einträge heute, heißt es mal, ein Text sei auf Wunsch entfernt, ein andermal, er sei wegen Missverständnissen geändert worden.
"Nicht zu rechtfertigen"
Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung war über die Trigami-Kampagne ebenso wenig informiert wie die Redaktion von sueddeutsche.de. Beide verurteilen den Versuch, über bezahlte Blog-Einträge Werbung zu treiben.
Es sei legitim, neue Werbeformen zu testen, sagt Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur von sueddeutsche.de: "Doch der Versuch, sich eine bestimmte Berichterstattung zu erkaufen, ist nicht zu rechtfertigen. Selbst wenn die sogenannten Advertorials als Anzeigen gekennzeichnet wurden."
Peter Bilz-Wohlgemuth, Marketingchef von sueddeutsche.de, hat die Kampagne in einem Kommentar unter dem Bericht des Upload Magazins als "Fehler" bezeichnet und versprochen, künftig von solchen Werbeformen Abstand zu nehmen. Der Auftrag selbst wurde umgehend gestoppt.
Auch Remo Uherek, Geschäftsführer der Trigami AG, äußerte sich im Internet selbstkritisch. Trigami habe "großen Mist gebaut", schrieb er. Bilz-Wohlgemuth habe ihm "telefonisch ausdrücklich bestätigt, dass das Ziel der Kampagne niemals war, Bloggern vorzuschreiben, was sie zu sagen hätten". Es sei lediglich "zum Ausdruck gebracht worden, dass das Wunschresultat der Kampagne möglichst viele positive Berichte und Kommentare (...) wären". Aufgrund eines internen Fehlers sei diese Information auch ins Briefing der Blogger übertragen worden.
Bilz-Wohlgemuth sagt, Trigami habe seinen Auftrag "falsch verstanden". Er habe in drei Telefonkonferenzen Wert darauf gelegt, "keine Lobhudelei" zu bestellen; die neuen Apps sollten lediglich besprochen werden. Er habe nach den mündlichen Vereinbarungen nicht mehr geprüft, was sich hinter dem Begriff "Advertorial" im Falle von Trigami verberge. "Das", sagt er, "war ebenfalls ein großer Fehler."
(SZ vom 20.01.2010/joku)
Surfrider Beach in Malibu
@Alexander84
Gerade Sie als Blogger sollten wissen, daß in der "Blogger-Szene" viel, viel mehr abläuft, als dieser kleine "Betrugsversuch" der SZ.
Deshalb hab ich auch nie den Hype um Blogs verstanden, einem Blog kann man noch weniger trauen als zb der Wikipedia, da dort wenigstens viele Menschen eine Art Kontrollfunktion übernehmen. Ein Blogger kann soviel Mist schreiben wie er will, kann sich für alles bezahlen lassen, muss keine Quellen angeben und die Leute lesen (und glauben) es trotzdem?
Viel Schlimmer noch, daß die Medien so drauf einsteigen, ich bin ja auch für "Web 2.0", aber Blogs sind mindestens so nötig wie Twitter!
wie peinlich. aber eine ganz interessante geschichte, wie man es nicht machen sollt.
"Bilz-Wohlgemuth habe ihm "telefonisch ausdrücklich bestätigt, dass das Ziel der Kampagne niemals war, Bloggern vorzuschreiben, was sie zu sagen hätten". Es sei lediglich "zum Ausdruck gebracht worden, dass das Wunschresultat der Kampagne möglichst viele positive Berichte und Kommentare (...) wären". Aufgrund eines internen Fehlers sei diese Information auch ins Briefing der Blogger übertragen worden."
Also entschuldigen Sie, aber dieser Absatz schreit ja förmlich nach einem Kommentar: Wenn "das Wunschresultat möglichst viele positive Berichte und Kommentare", dann heißt das: Blogger wurden für positive Werbung engagiert. Sonst hätte die Anweisung wohl geheißen: Es gibt kein Wunschresultat, sondern das App soll möglichst oft besprochen werden. Die Verteidigung von Pilz-... klingt auch eher fadenscheinig: Wenn Textbausteine mitgeliefert wurden, wurde zumindest versucht, redaktionell Einfluss zu nehmen. Werbung ist das Eine, positive Testberichte und Kommentare zu bezahlen das Andere.
Mir als Online-Blogger ist kein vergleichbar dreister Fall von Manipulation bekannt. Srr SZ, aber eure Werbung "Die Qualitätszeitung" glaubt euch nun wohl endgültig keiner mehr.
Nicht informiert, "falsch verstanden", "nicht mehr gprüft", "Fehler" -wenn hier "Politik" drüber stehen würde und nicht "Süddeutsche", wäre es wohl nur eine Frage der Zeit, bis ein Kommentar in diesem Medien "Rücktritte" fordern würde.
Ist dieses "Schuldeingeständnis" in Form des Beitrags wirklich was wert? Oder wie in der Politik nur ein "Ich übernehme die Verantwortung", aber es hat sonst keine Konsequenzen.
Vielen Dank für diesen interessanten Artikel. Er lehrt mich zwei Dinge. Zum einen freut es mich zu lesen und zu lernen wie etablierte Redaktionen mit den neuen Medien lernen umzugehen. Zum anderen zeigt es, dass das sogenannte virale Marketing funktioniert.
Sicher ist es nicht gut das "soziale" Netz zu nutzen, um über bezahlte Meinungsmacher neue Produkte nicht ganz neutral darzustellen. Jedoch bleibt die Frage offen inwiefern dieser Vorfall nun eher positiv oder negativ für die Beteiligten Unternehmen zu werten ist, denn mit dieser Aktion hat
(1) die Sueddeutsche das Ziel erreicht, die Information im Netz zu verbreiten "Es gibt eine App von Sueddeutsche", und
(2) Trigami hat das Ziel erreicht, über die Firma und ihre Produkte und Dienstleistungen im Internet zu informieren
Sicher ist, dass die virtuelle Diskussion und somit die virale Verbreitung angestossen wurde. Ob dies mittelfristig nun eher positive oder negative Auswirkungen auf den Geschäftsverlauf haben wird bleibt abzuwarten.
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