Microsoft Warum Sie keine Angst vor Windows 10 haben müssen

Illustration: Stefan Dimitrov

Regelmäßig tauchen Warnungen vor der "Abhörmaschine" auf. Diese Hysterie nervt - außerdem gibt es längst eine gute Alternative.

Von Simon Hurtz

Wie oft haben Sie schon mal Allgemeine Geschäftsbedingungen zu Ende gelesen? Einmal? Zweimal? Glückwunsch, damit hätten sie einem Großteil der Internet-Nutzer einiges voraus. In den Datenschutzbestimmungen von Facebooks Werbenetzwerk Atlas, das Zugriff auf alle Nutzerdaten des Netzwerks hat, versteckte sich monatelang ein doppelter Absatz - und niemand bemerkte es. Kein einziger der damals rund 1,3 Milliarden Nutzer machte sich die Mühe, die nicht einmal besonders lange Datenschutzerklärung anzuschauen.

Einer US-Studie zufolge bräuchte jeder Internetnutzer im Schnitt 201 Stunden pro Jahr, um alle Geschäftsbedingungen zu lesen, die er akzeptiert. Der Guardian-Journalist Alex Hern hat das eine Woche lang getan und rät nach 146 000 Wörtern: "Ignorieren Sie die AGB ruhig weiter und hoffen Sie, dass jemand mit mehr Zeit, mehr juristischem Fachwissen oder einem seltsamen Fetisch für seitenweise Blockschrift diesen Job übernimmt. Und hoffen Sie, dass Sie in der Zwischenzeit nicht ausversehen Ihr Kind verkaufen."

Microsoft hat Fehler gemacht

Das digitale Kleingedruckte ist der moderne Tolstoi: Kaum jemand traut sich überhaupt an "Krieg und Frieden", nur ein Bruchteil schafft es bis zum Ende. Zwei Ausnahmen gibt es. Wenn es ein Unternehmen wagt, die zuvor von Millionen Nutzern stillschweigend abgesegneten AGB zu ändern, ist die Empörung groß. Facebook-Nutzer widersprechen regelmäßig, indem sie(juristisch wertlose) Widersprüche posten. Spotify entschuldigte sich nach einem Proteststurm und nahm die Änderungen zurück, und auch Instagram sagte kleinlaut "Sorry".

Erfolg hat viele Fenster

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Die zweite Ausnahme heißt Microsoft. Windows 10 ist seit einem guten halben Jahr auf dem Markt, und wird seitdem als "Datenkrake" oder "Abhörmaschine" zum Privatsphäre-Fiasko stilisiert. Tatsache ist, dass Microsoft Fehler gemacht hat, die Datenschutzeinstellungen teilweise gar nicht oder unzureichend erklärt und damit viele Nutzer verunsichert. Das gilt insbesondere für die Standard-Einstellungen: Wer nicht will, dass Windows 10 Nutzungsdaten sammelt und eine Werbe-ID erstellt, die für personalisierte Anzeigen genutzt wird, muss diese Optionen einzeln deaktivieren. Das Gegenteil wäre wünschenswert gewesen: Microsoft hätte Nutzer aktiv einwilligen lassen sollen, dass sie damit einverstanden sind.

Jedes Smartphone sammelt sensiblere Daten

Trotzdem ist Windows 10 nicht der "Spion im PC", zu dem es gemacht wird. Jedes Smartphone sammelt mehr und vor allem sensiblere Informationen. Im Gegensatz zu Google und Facebook hat Microsoft kein ausgeprägtes Interesse an gläsernen Nutzern. Der Konzern verdient sein Geld nicht damit, personalisierte Daten an Werbekunden weiterzugeben, um die passende Anzeigen schalten zu können. Wer die Datenschutzbestimmung vollständig liest, anstatt einzelne Zitate herauszupicken, kann Microsoft nicht ernsthaft als "Schnüffelkonzern" bezeichnen.

Ein Großteil der von Microsoft erhobenen Informationen sind anonyme Nutzungsstatistiken, die dazu dienen, Windows weiterzuentwickeln und sicherer zu machen. Diese "Diagnose- und Telemetriedaten" sammelte schon Windows 8, außerdem taugen sie nicht zum Datenschutz-Albtraum. Beispielsweise werden anonymisierte Absturzberichte übertragen, die keine Rückschlüsse auf den einzelnen Nutzer zulassen. Als Reaktion auf die heftige Kritik versicherte Terry Myerson, Vize-Chef von Windows, dass Microsoft im Gegensatz zu anderen Firmen unabhängig von den gewählten Datenschutzeinstellungen niemals persönliche Mails oder andere Dokumente durchsuche, um gezielte Werbung zu schalten.

Komfort gibt es nur im Tausch gegen Privatsphäre

Windows 10 ist ein hybrides Betriebssystem, es läuft auf stationären Rechnern, aber ebenso auf Mobilgeräten wie Tablets und Smartphones. Auch deshalb sind zahlreiche Cloud-Dienste nahtlos integriert. Onedrive ist Microsofts Dropbox-Alternative, und Cortana soll den persönlichen Assistenten Siri oder Google Now Konkurrenz machen. Wenn Cortana auf Sprachbefehle reagieren soll, muss das Mikrofon eingeschaltet sein und Umgebungsgeräusche aufzeichnen. Wenn sie Termine verwalten soll, braucht sie Zugriff auf den Kalender, und um Paketlieferungen anzukündigen, muss Cortana Mails auswerten dürfen.

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Jeder Zugewinn an Komfort geht mit einem kleinen Verlust an Privatsphäre einher. Die Sprachverarbeitung findet auf den Servern der Konzerne statt, also werden die Daten dorthin übertragen. Das ist bei Google oder Apple aber nicht anders. Auch Smart-TV-Geräte, die sich über Sprachbefehle steuern lassen, lauschen ununterbrochen - was sie aber noch lange nicht in "Wanzen im Wohnzimmer" verwandelt. All diese Funktionen können Nutzer problemlos ausschalten. Bei Cortana ist nicht einmal das nötig, die persönliche Assistentin ist standardmäßig deaktiviert. Wer sie nutzen will, erfährt, auf welche Daten Microsoft dafür zugreift und muss dem ausdrücklich zustimmen.

Wer keine Cloud und smarte Assistentinnen will, hat eine gute Alternative

Tatsächlich macht Windows 10 sogar vieles besser als sein Vorgänger. Es gibt einen Menüpunkt "Datenschutz", der zahlreiche Privatsphäre-Einstellungen bündelt. Hier können Nutzer etwa ihre persönliche Werbe-ID zurücksetzen oder vollständig deaktivieren und erstmals gezielt einzelnen Apps den Zugriff auf Kamera und Mikrofon, das Adressbuch, den Standortverlauf oder anderen sensiblen Daten erlauben oder entziehen.

Natürlich haben die "Früher war alles besser"-Sager recht, wenn sie sich wehmütig an Windows XP erinnern, das nur einen Bruchteil der Informationen sammelte. Aber Windows XP ist 15 Jahre alt, damals gab es keine Smartphones, die Cloud zeichnete sich noch nicht mal als Wölkchen am Horizont ab. Das Betriebssystem lief ausschließlich auf einem einzigen PC, und wer Musik oder Fotos mit anderen teilen wollte, brannte sie auf CD.

Heute wollen die meisten Nutzer smarte Geräte, die alle Daten ständig synchron halten. Sie wollen möglichst relevante Suchergebnisse, hilfreiche persönliche Assistenten und Software, die ihnen das Leben leichter macht. Das funktioniert nur, wenn man bereit ist, einen Teil seiner Privatsphäre zu opfern. Es gibt gute Gründe, diese Entwicklung zu bedauern. Aber es gibt keinen guten Grund, allein Microsoft an den Pranger zu stellen, weil sie mit der Zeit gehen. Wer diesen Weg nicht mitgehen will, hat längst eine gute Alternative zu Windows und iOS. Sie heißt Linux.

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