Microsoft und die NSA-Überwachung Die Scheinheiligen

Eigentlich wollte Microsoft mit Datenschutz sein Image aufbessern. Jetzt wird bekannt, dass das Unternehmen intensiv mit Geheimdiensten kooperiert. Das bringt das Software-Urgestein in arge Erklärungsnot.

Von Pascal Paukner

Die Bösen waren immer die anderen. Google, Facebook, manchmal Apple. Wenn es um Datenschutz ging, wenn vom Ende der Privatsphäre die Rede war, dann musste sich Mark Zuckerberg verteidigen. Dann musste Google-Manager Eric Schmidt öffentlich beschwichtigen. Steve Ballmer hingegen musste selten über Datenschutz reden. Meist tat der Microsoft-Chef es freiwillig. Um Werbung zu machen.

"Ihre Privatsphäre ist unsere Priorität", so lautet der Satz, den Microsoft in den vergangenen Monaten bei jedweder Gelegenheit in die Welt posaunt hat. Im Mai hat das Unternehmen eine groß angelegte Kampagne gestartet mit dem vorgeblichen Ziel, das Bewusstsein für Datenschutz zu stärken. Sechs Wochen lang schaltete das Unternehmen aufwändige Anzeigen in Zeitungen, Fernsehen, Online-Medien und auf den Straßen. Flankiert wurde das Brimborium von einer großen Umfrage, die den Eindruck vermitteln sollte, dass sich die Menschen in der ganzen Welt zwar um den Schutz ihrer Daten sorgen, sie aber gleichzeitig kaum etwas dafür unternehmen. Microsoft, so die einfache Rechnung, sollte die Lösung des Problems sein. Das war der Plan.

Dann kam Edward Snowden. Microsoft sei eines von neun amerikanischen Unternehmen, die eng mit dem Militärnachrichtendienst NSA kooperieren, teilte der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter der Öffentlichkeit mit. In einer Stellungnahme versuchte Microsoft, wie die anderen Unternehmen auch, sich noch rauszureden. Nun aber lässt Snowden im Guardian die nächste Bombe platzen: Microsoft habe den amerikanischen Geheimdiensten sogar Zugang zu verschlüsselten Outlook-Nachrichten gewährt. Außerdem seien der Cloud-Speicherdienst Skydrive und der Video-Telefonie-Dienst Skype ausspioniert worden. Microsofts Ruf, das zeigen die Reaktionen im Netz, droht schwer ramponiert zu werden.

Microsoft richtet sich komplett neu aus

Dabei war der Ruf zuletzt gar nicht so schlecht, wie man angesichts der öffentlichen Schlagzeilen über das neue Betriebssystem hätte vermuten können. Im amerikanischen Kundenzufriedenheitsindex erreichte das Unternehmen noch im Juni 74 Punkte und lag damit deutlich vor Webfirmen wie Twitter (61) oder Facebook (64), die für Microsoft in Zukunft noch deutlich relevantere Konkurrenten werden könnten, als sie es bisher schon waren.

Erst am Donnerstag hat der umtriebige Microsoft-Chef Ballmer einen weitreichenden Umbau des Unternehmens bekanntgegeben. Die Abteilungen des Unternehmens sollen künftig enger zusammenarbeiten, deshalb werden Unternehmensbereiche neu zugeschnitten und Manager-Zuständigkeiten neu geregelt. Damit will das Unternehmen auf den schrumpfenden PC-Markt reagieren und sich stärker als bisher auf eine konsistente Strategie auf Mobilgeräten und im World Wide Web konzentrieren.

Dort ist Microsoft im Schatten der Giganten zu einem heimlichen Riesen herangewachsen. Wenn von Cloudspeicher die Rede ist, dann redet kaum jemand von Skydrive, alle von Dropbox. Wenn von einem Online-Maildienst die Rede ist, redet kaum jemand von Outlook, alle von Gmail. Dabei haben die Microsoft-Dienste oft mehr als oder zumindest ähnlich viele Nutzer wie ihre in der Öffentlichkeit stehenden Konkurrenten. Bei Skydrive sind es mehr als 250 Millionen, bei Outlook.com mehr als 420 Millionen. Und mit dem Internet Explorer verfügt das Unternehmen noch immer über eines der weitverbreitetsten Internet-Programme und damit über ein gigantisches Druckmittel gegenüber diversen Industriezweigen.

Datenschutz selbst gegen die Werbewirtschaft

Zuletzt bekam das die Werbewirtschaft zu spüren. Die neunte Version des Internet Explorers lieferte das Unternehmen mit einer aktivierten Do-not-track-Technologie aus. Damit wollte Microsoft verhindern, dass überall im Web ein von Werbefirmen installierter Datensammelcode Informationen über Internet-Explorer-Nutzer anhäuft. Ein hehres Anliegen, das in Microsofts Datenschutz-Strategie passt und das dem Unternehmen Aufmerksamkeit in einem knallhart umkämpften Markt sichert. Mit Erfolg. Nach einem langen Abstieg hat sich der Internet Explorer zuletzt wieder stabilisiert. Apple und Mozilla haben Ähnliches in ihre Browser integriert. Die Strategie war erfolgreich. Der Imagegewinn droht aber durch die Enthüllungen jetzt ein kurzfristiger zu sein.

Für Microsoft könnte das auch zum wirtschaftlichen Problem werden. Privatsphäre und Datenschutz hätten Microsofts Alleinstellungsmerkmal im Web werden sollen. Es ist das, was das Unternehmen von der Konkurrenz unterscheiden sollte. Jetzt glaubt daran kaum noch jemand. Und alle stehen nackt da. Microsoft und seine Nutzer.