Von Johan Sjerpstra

Von "Sunrise" zu "Landrush": Pleiten, Pech und Pannen bei der Einführung neuer Internet-Adressen.

(SZ vom 26.9.2001) - Nicht nur die Halbwertszeit der im Internet verfügbaren Informationen ist im Vergleich zu früheren Speichersystemen bescheiden. Auch unser Wissen übers Internet selbst löst sich schneller auf als unsere Grundkenntnisse über ältere Medien. Von Zeit zu Zeit bietet es sich daher an, bestimmte Sachverhalte noch einmal ganz von vorne zu erklären.

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Zumindest in anekdotischer Erinnerung dürfte einem Teil der Internet- Interessierten noch die Debatte um die Einführung neuer Top-Level-Domains geblieben sein. Im November 2000 hatte die gemeinhin als Regulierungsbehörde bekannte "Internet-Firma für zugewiesene Namen und Nummern" ICANN die Einführung von sieben neuen Endungen beschlossen, um die rapide schrumpfenden Namensräume .com, .net und .org zu entlasten und eine "globale Infrastruktur für das 21. Jahrhundert" zu schaffen.

Selbst auferlegte Namensknappheit

Die Verkündung der neuen Top-Level-Domains hatte damals bei vielen netzdemokratischen Initiativen Kopfschütteln ausgelöst: Warum nur sieben TLDs ausgewählt worden waren, obwohl Unternehmen wie Paul Garrins Name.Space ohne den Segen der ICANN schon seit Jahren Hunderte solcher Endungen anboten, blieb so unbegreiflich wie die Tatsache, dass trotz der selbst auferlegten Namensknappheit Museen und Fluglinien mit .museum und .aero exklusive Adressräume bekommen sollten. Doch sank mit der Zahl der Kritiker, die die sieben neuen Endungen überhaupt aufzählen konnten, in der Folgezeit auch das öffentliche Interesse an der Entscheidung, sodass sich ICANN mit den neuen Betreibergesellschaften ungestört an die Umsetzung des Kleingedruckten machen konnte.

Bis zum ersten Vertragsabschluss zwischen ICANN und Afilias, dem multinationalen Konsortium, das den Zuschlag für den Betrieb von .info-Adressen bekommen hatte, vergingen Monate. Denn die Einführung neuer Top-Level-Domains wirft zwar nur wenige technische, dafür aber umso mehr juristische Fragen auf. Insbesondere die zahllosen Prozesse, die um "geistiges Eigentum" an bestimmten .com-Domains geführt wurden, drohten sich im neuen Adressraum zu wiederholen.

Zum Beispiel 12345

Schließlich einigten sich ICANN und Afilias für .info auf ein zweistufiges Verfahren: In einer "Sunrise"-Periode sollten die Besitzer von Trademarks exklusiv die Gelegenheit erhalten, ihre eingetragenen Warenzeichen zu reservieren. Erst in der folgenden "Landrush"-Phase sollten Optionen auf die noch freien Domains auf den Markt kommen, um in mehreren Losrunden unter den jeweiligen Interessenten vergeben zu werden.

Als Afilias Anfang August zum ersten Mal seine Registrierungsdatenbank im Netz zugänglich machte, trauten die Besucher ihren Augen kaum: Hunderte von zufälligen Abfragen förderten "Sunrise"-Registrierungen zutage, die in vielen Fällen offensichtlich unsinnig schienen: music.info war mit einem koreanischen Warenzeichen für "dumping" registriert worden, analsex.info mit einem marokkanischen Warenzeichen für "sandip singh sandhu", und den Zuschlag für newyork.info hatte der glückliche Besitzer des U. S. Trademarks mit der Nummer "zum Beispiel 12345" erhalten.

Die Afilias-Datenbank wurde daraufhin wegen "technischer Schwierigkeiten" vom Netz genommen, um wenige Tage später mit neuen Fantasie-Einträgen wieder zu erscheinen: Einzelne Personen und Firmen hatten sich mit Trademarks, die keinerlei Ähnlichkeit mit den angemeldeten Domainnamen aufwiesen, gleich ganze Blöcke virtueller Präsenz gesichert, und die Vielzahl der Registrierungen mit dem Trademark für "unknown", ausgestellt am 2. Januar 2040 von der Patentbehörde Albaniens, deutete weniger auf die Kreativität etwaiger Domain-Squatter hin, als vielmehr auf ein gravierendes Problem bei der Verarbeitung von Formulareingaben.

Ein technisches Problem?

Es ist jedoch schwer vorstellbar, dass die Implementierung einer simplen Datumsüberprüfung die technischen Kapazitäten von Afilias, einem "Konsortium aus 18 weltweit führenden Domain-Registrars" mit 75 Vertragspartnern, die die Reservierungen abwickeln, überstiegen haben sollte. Zumal die Online-Transaktionen, die mit jeder Registrierung verbunden sind, offenbar fehlerfrei funktionierten: Je nach Anbieter kostete eine .info-Domain in der "Sunrise"-Periode zwischen 20 und 40 Dollar, und für die bloße Option auf eine Domain in der "Landrush"-Phase wurden Gebühren zwischen 5 und 20 Dollar fällig.

Mittlerweile hat Afilias sämtliche Länder-Namen (deren markenrechtliche Verwertung ohnehin fraglich ist) vom Markt genommen und zugesichert, einzelne "Sunrise"-Registrierungen anzufechten. Nachforschungen von Verbraucherschützern deuten jedoch darauf, dass es sich dabei nur um die Spitze eines Eisbergs handelt: Die Liste fragwürdiger "Sunrise"-Domains ist inzwischen auf über zehntausend Einträge angewachsen.

Das Chaos ist perfekt

Die "Sunrise"-Charts der Mehrfach-Bewerber führt derzeit ein Österreicher an, der markenrechtlichen Anspruch auf nicht weniger als 4.981 Netzadressen angemeldet hat, gefolgt von einem Domainbesitzer, dessen .info-Imperium neben "lawyers" und "attorneys" auch 50 Einträge von "blowjobs" bis "teensex" umfasst. Zudem hatten einzelne Vertragspartner von Afilias ihre Kunden explizit dazu aufgefordert, trotz fehlender Trademarks "Sunrise"-Reservierungen vorzunehmen, während andere noch in der "Landrush"-Phase Zahlungen für bereits verkaufte "Sunrise"-Domains akzeptierten. Darüber hinaus hatten die Registrierungs-Firmen selbst bestimmte Namen "zu Testzwecken" übernommen.

Das von ICANN und Afilias eingeführte Verfahren zur Regelung von Streitigkeiten macht das Chaos perfekt. Bei dieser "Sunrise Challenge" genannten Prozedur handelt es sich weniger um einen Rechtsweg als um einen weiteren Markt. Für die Anfechtung einer Registrierung verlangt die "Weltorganisation für geistiges Eigentum" WIPO eine Gebühr von 295 Dollar, von denen 75 Dollar selbst dann nicht zurückerstattet werden, wenn eine dritte Partei am Ende den Zuschlag erhält. Auch wenn bislang nur einige hundert . info-Domains beanstandet worden sind, beläuft sich das potenzielle Umsatzvolumen des Schlichtungsverfahrens auf mehrere Millionen Dollar.

Auch amerikanische Gerichte befassen sich bereits mit den neuen Top-Level-Domains. Seit gegen ICANN und NeuLevel, den Operator der ebenfalls neu eingeführten .biz-Domain, eine Sammelklage wegen Betriebs einer illegalen Lotterie eingereicht wurde, muss sich auch Afilias des Vorwurfs erwehren, bei dem Vergabe- und Schlichtungsverfahren handle es sich um ein kostenpflichtiges Glücksspiel, dessen Teilnehmer nicht wahrheitsgemäß über ihre realen Gewinnchancen aufgeklärt worden seien.

SHIT

Während am 22. September die ersten .info-Domains online geschaltet werden sollen, haben einzelne Internet-Provider bereits dazu aufgerufen, die technische Implementierung der neuen Endung zu boykottieren. Nur ICANN spricht weiter von einer Erfolgsgeschichte und bestärkt damit jene, die der Institution jede Legitimation und Kompetenz absprechen, die Grundlagen des internationalen Datenverkehrs zu regeln.

ICANN, so heißt es seit Jahren, sei eine Art Internationales Olympisches Komitee des Internet: eine Lobby weltweit vernetzter Funktionäre, die mit pompösen Simulationen demokratischer Entscheidungsprozesse versuchen, das finanzielle, politische und mitunter handfest mafiöse Interessengeflecht zu verbergen, das sie mit der Erhabenheit einer globalen Aristokratie zu regulieren behaupten. Sogar Andy Müller-Maguhn vom Berliner Chaos Computer Club, der Ende 2000 selbst ins ICANN-Direktorium gewählt worden war, ist mit seiner Geduld am Ende: Den aktuellen Bericht des "at large study com mittee (ALSC)" der ICANN bezeichnete er Anfang September als "specifically hiding individual troubles" - abgekürzt: SHIT.

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