Kulturkritiker Evgeny Morozov Das Internet als digitale Zwangsjacke

Digitale Technologien gelten als Beschleuniger unzähliger positiver Entwicklungen. Doch Transparenz und Vernetzung sind für den Internet-Kritiker Evgeny Morozov nichts als hohle Formeln, die die Gesellschaft perfektionieren sollen. Die ideologischen Verhärtungen der digitalen Kultur benennt er mit ungewohnter Schärfe.

Von Andrian Kreye

Wer das Internet kritisiert, ist ein Kulturpessimist. Zumindest muss er sich als solcher beschimpfen lassen, und es ist nicht leicht, diesen Vorwurf zu entkräften. Zum einen, weil die digitale Infrastruktur eine allgegenwärtige Tatsache des Lebens im 21. Jahrhundert ist.

Natürlich wird niemand die technologische Entwicklung aufhalten oder gar rückgängig machen. Zum anderen gelten digitale Technologien als Beschleuniger unzähliger positiver Entwicklungen, egal ob es die politischen Befreiungsbewegungen des arabischen Frühlings, der Anstieg des globalen Lebensstandards, oder die Optimierung des Gesundheitswesens, der Bildung und des Handels sind. Die Kehrseiten digitaler Technologie gelten als vergleichsweise harmlos. Das Internet produziert ja weder Treibhausgase, noch radioaktiven Abfall.

Der Mangel an kritischen Stimmen hat aber vor allem einen intellektuellen Grund, denn die Kritik am Internet hatte bisher einen Schwachpunkt. Fast alle Texte beschränkten sich auf eine Analyse der Risiken und Nebenwirkungen. Ein Großteil dieser Abhandlungen waren wissenschaftlich fundierte Grundlagentexte. Nicholas Carrs "The Shallows" und Frank Schirrmachers "Payback" führten den Beweis für den intellektuellen Sinkflug der digitalisierten Gesellschaft mit den Erkenntnissen der Hirnforschung.

Kulturpessimismus

Jaron Laniers Essay "Digital Maoism" untersuchte die destruktive Macht der digitalen Masse mit dem Furor der Politikwissenschaft. Sherry Turkle erforschte in ihrem Buch "Alone Together" die Vereinsamung in den sozialen Netzwerken mit Hilfe der Soziologie. Jonathan Zittrain erklärte die gesellschaftlichen Gefahren in "The Future of the Internet" mittels technischer Details.

Jede dieser Kritiken konnte man aber gerade deswegen so leicht als Kulturpessimismus entkräften, weil die digitalen Technologien trotz der rasanten Fortschritte immer noch am Anfang stehen. Für jedes Problem, so die vorherrschende Meinung, wird es eine Lösung geben. Genau an diesem Punkt setzt nun der Kulturkritiker Evgeny Morozov mit seinem neuen Buch an.

Der Titel "To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism" (Um alles zu retten, klicken Sie hier: der Aberwitz des technologischen Lösungsdogmas) klingt viel zu burschikos. Morozov liefert mit seinem Buch nämlich die lange überfällige Ideologiekritik der digitalen Kultur. Sein "Solutionism" ist eine Diktatur der Perfektion, die er im Zentrum der digitalen Kultur, dem Silicon Valley, verortet. Und es gibt wahrscheinlich keinen Autor, der sich dafür so eignet wie er. Denn mindestens so wichtig, wie seine akademische Brillanz und sein scharfer Intellekt, ist seine Biografie.

Seine Karriere ist zunächst einmal beeindruckend. 1984 im weißrussischen Salihorsk geboren, ging er nach der Schule mit einem Stipendium von George Soros Open Society Institute an die "American University in Bulgaria". Nach einer kurzen Zeit in Berlin zog er in die USA, wo er zuerst an der Georgetown University arbeitete, bevor er 2010 als Fellow der New America Foundation an die Stanford University ging. Neben seiner akademischen Arbeit schrieb er für Zeitungen und Zeitschriften wie New York Times, The Economist, Wall Street Journal und das London Review of Books.

Der Schlüssel zu seiner Arbeit sind jedoch nicht nur seine Bildung und seine frühen Erfolge, sondern die Tatsache, dass er nach einer Kindheit und Jugend im Totalitarismus der Sowjetunion und Lukaschenkos Weißrussland im Zentrum der digitalen Euphorie gelandet ist.