Künstliche Intelligenz Die Software weiß nicht, was sie da sagt

Software sieht mehr als nur Buchstabensalat: Die Skulptur "Body of Knowledge" des spanischen Künstlers Jaume Plensa auf dem Campus der Goethe-Uni. (Archivbild)

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Von Schach bis Autofahren löst künstliche Intelligenz beim Menschen ein Gefühl der Unterlegenheit aus. Aber können Computer nun sogar Texte besser verstehen als wir?

Von Michael Moorstedt

Als Mensch kommt man ja nicht umhin, immer mal wieder die eigene Antiquiertheit zu spüren. Darüber, also über das Gefälle zwischen dem, was Menschen und was die von ihnen erbauten Maschinen zu leisten imstande sind, wurden ja auch schon einige Bücher geschrieben. In den letzten Jahren nimmt dieses Unterlegenheitsgefühl dank immer leistungsfähigerer künstlicher Intelligenzen (KI) immer weiter zu. Computersoftware kann besser Go spielen als die besten menschlichen Profis. Schach sowieso. Setzt man die KI ans Steuer, bauen die Autos weniger Unfälle, verpflanzt man sie in einen Roboterkörper, können diese mittlerweile schneller laufen als wir.

Ein weiterer intellektueller Tiefschlag traf uns vergangene Woche in Form folgender Meldung: "KI kann besser lesen als Menschen". Und darauf folgte natürlich das Mantra: "Millionen Jobs in Gefahr". Spätestens seit dem Pisa-Schock ist Lesekompetenz ja ohnehin ein empfindliches Thema. Zwei KIs, entwickelt von Microsoft und dem chinesischen Internetkonzern Alibaba, hätten nun unabhängig voneinander eine menschliche Kontrollgruppe in Sachen Textverständnis übertrumpft. Auf einer Skala von null bis hundert lag deren Highscore bislang bei 82,30 Punkten. Die chinesische KI erreichte 82,44 Punkte; die Microsoft-KI legte hermeneutisch noch einmal was drauf und ist nun mit 82,65 Punkten Spitzenreiter.

Als Basis des Lesetests dienen 500 Wikipedia-Artikel, ein Potpourri aus Geschichte, Popkultur, Biologie, Chemie. Einträge zu Martin Luther, der schwarzen Pest, Imperialismus oder der Science-Fiction-Serie "Doctor Who". Daraus ergeben sich mehr als hunderttausend mögliche Frage-Antwort-Paare, naheliegende wie "Wann wurde Luther geboren?" und eher abstrakte wie "Mit welcher Eigenschaft wird Imperialismus verbunden?" Die Antwort auf die letzte Frage lautet übrigens: Aggressivität. Die beteiligten Wissenschaftler sprechen von einem Meilenstein und dass das natürlich erst der Anfang sei. Mögliche Einsatzgebiete der neuen KI liegen etwa im Kundenservice oder bei Sprachassistenten.

Wie klug sind die künstlichen Intelligenzen also wirklich? Wie so oft, wenn es um die Leistungsfähigkeit von KI-Software geht, hat man es vor allem mit der Musterabgleichung zu tun. Wenn gefragt wird, wann jemand geboren wurde, sucht das System nach Datumsangaben. Wenn die Frage dagegen lautet, gegen wessen Autorität sich Luther auflehnte, und im Ursprungsartikel steht, "Luther lehnte sich gegen die Autorität des Papstes auf", dann braucht es für die Antwort kein Wissen um die Bedeutung des Wortes Autorität, sondern nur ein Verständnis von simpler Grammatik, von Subjekt und Objekt eines Satzes. Mit anderen Worten: Die Software weiß nicht, was sie da beantwortet.

Einer der Testentwickler vergleicht die Software mit einem Schüler, der gut in Prüfungen abschneide, ohne den Stoff an sich zu verstehen. Und so ist es guter Wissenschafts-PR und leichtgläubigen Medien zu verdanken, dass man mal wieder kurz um die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes bangte. Was schon mehr als nur ein bisschen ironisch ist, schließlich ging es ja um Lesekompetenz.

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