Künstler macht sein iPhone öffentlich Wider die Pseudoprivatsphäre

Johannes Osterhoff hat keine Lust mehr. Informationen über sich will er nicht länger allein Apple, Google oder Facebook überlassen. Deswegen stellt er jetzt fast alles öffentlich ins Netz. Sein iPhone hat er entsprechend programmiert. Es ist eine radikale Offenheit, die den Künstler Osterhoff verändern wird.

Von Pascal Paukner

Datenschützer haben es derzeit nicht leicht: Im Bundestag wird der Ausverkauf der Grundrechte beschlossen, während der Souverän gebannt ein paar Männern beim Fußballspielen zujubelt. Internetunternehmen biegen quasi wöchentlich mit neuen Ideen um die Ecke, wie soziale Beziehungen noch ein bisschen öffentlicher gestaltet werden könnten. Und Künstler erklären die Privatsphäre zum kreativen Experimentierfeld. Künstler wie Johannes Osterhoff.

Osterhoff wohnt in Berlin, ist 31 Jahre alt und von Beruf Interface Artist. Das heißt er spielt mit digitalen Nutzeroberflächen, denkt sie neu und verändert sie. Als das iPhone vor wenigen Tagen seinen fünften Geburtstag feierte, nahm er das zum Anlass, ein neues Projekt zu starten. Es heißt iPhone live und ist schnell erklärt: Jedes Mal wenn Osterhoff den Home-Button seines iPhones drückt, erstellt das Smartphone automatisch einen Screenshot, der dann ebenso automatisch auf seiner Webseite veröffentlicht wird. Nicht für die Dauer von ein oder zwei Wochen macht Osterhoff das, sondern ein ganzes Jahr. 365 Tage. Dazu hat sich der Künstler selbst verpflichtet, auf seiner Webseite Er nennt es Manifest.

Oberflächlich betrachtet, könnte man das Projekt für einen Affront gegen all das halten, was den Peter Schaars, Johannes Caspars und Thilo Weicherts in ihrer Funktion als Datenschützer dieser Republik heilig ist. Real existierende Post-Privacy sozusagen. Aber Osterhoffs Anliegen ist ein anderes. Ihm geht es mehr darum, den Wert und die Exklusivität von Informationen zu verdeutlichen.

Wer die Dienste von großen Unternehmen wie Apple, Google oder Facebook nutze, habe häufig nur die Möglichkeit seine Daten exklusiv an diese Konzerne zu vergeben, meint Osterhoff. Genau das mache letztlich den Wert der Daten aus: "Informationen sind wertvoll, weil ich sie als Nutzer exklusiv vergebe", sagt Osterhoff. Mit seinem Projekt will er das Gegenteil erreichen. Indem man die Informationen offen freigebe, nehme man ihnen ihre Exklusivität. Soviel zur Theorie.

Soziales Umfeld vorgewarnt

In der Praxis zeichnen sich schon anderthalb Wochen nach Beginn Verhaltensveränderungen ab. "Das Projekt wird die Art und Weise, wie ich das iPhone nutze, sehr verändern", ist sich Osterhoff sicher. Sein Umfeld hat der Künstler bereits vorgewarnt. Schließlich kommt es auch immer wieder vor, dass Osterhoff private SMS oder E-Mails öffentlich macht. Wann er seine Mutter angerufen hat (am vergangenen Sonntag), war beispielsweise bereits öffentlich einsehbar. Auch, dass er am Samstag um 19.54 Uhr eine SMS an Brendan geschrieben hat.

Einen letzten Rest Kontrolle bewahrt sich aber selbst Osterhoff: "Wie man eine App verlässt, kann ich ja beeinflussen", sagt er und meint, dass er dazu nicht unbedingt den Home-Button benutzen muss.

So ist Osterhoff dann auch nicht einmal der radikalste Vertreter seiner Zunft. Der Schwede Jonas Lund bietet seit einigen Monaten eine Erweiterung für Googles Webbrowser Chrome an, die es ermöglicht, sich jederzeit anzeigen zu lassen, welche Seiten Lund gerade anschaut. Live und in Echtzeit. Alles ist sichtbar. Was Lund online einkauft, welche Blogs er liest und wonach er bei Google sucht.

Eine Erfahrung, die Osterhoff zumindest zum Teil auch schon gemacht hat. Im vergangenen Jahr hat er 12 Monate lang alle seine Google-Suchanfragen öffentlich ins Netz gestellt. Oben auf der Seite werden die häufigsten Suchbegriffe angezeigt. "Privatsphäre" ist nicht darunter. "Art" und "iPhone" schon.