Kritik an Dieter Nuhr Wir alle sind der Shitstorm

Klagt über einen Shitstorm: Komiker Dieter Nuhr.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)
  • Der Komiker Dieter Nuhr beklagt nach einem missratenen Griechenland-Witz einen "Shitstorm" gegen sich.
  • Das ist ein reichlich überstrapazierter Begriff, der zwischen angemessener Kritik und Pöbeleien nicht unterscheidet.
  • Eine große Rolle spielen in Netzdebatten Machtverhältnisse, Verantwortung - und wie wir damit umgehen.
Von Hannah Beitzer

Das ging ziemlich in die Hose für Dieter Nuhr. Der Komiker postete kurz nach dem Griechenland-Referendum einen Witz auf Twitter und Facebook: "Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!"

Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!

Posted by Dieter Nuhr on Sonntag, 5. Juli 2015

Und bekam hunderte Reaktionen wie diese: "Falls Herr Nuhr irgendwann mal unter den vielen Geldbündeln der Gagen seine Ideale wiederfindet und sich überlegt, warum er mal Kabarettist geworden ist, wird er sich hoffentlich für diesen unqualifizierten und dummen Witz auf Bildzeitungsebene schämen" oder: "Eine Volkswirtschaft ist keine Hauswirtschaft. Und wenn man von ersterem nicht so viel Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten!"

Nun beklagte Nuhr in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen "Shitstorm" gegen sich. Er konstatiert einen zivilisatorischen Rückfall ins Mittelalter, nennt den Shitstorm "die Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts". Dutzende Beleidigungen und Drohungen habe er von seiner Seite gelöscht, daraufhin sei ihm Zensur vorgeworfen worden.

Der Beitrag ist einer von vielen, der sich in den vergangenen Wochen und Monaten mit dem Phänomen beschäftigt: Die Zeit zum Beispiel widmete dem Thema erst kürzlich mehrere Seiten. Der Begriff "Shitstorm" taucht beinahe täglich in Zeitungsartikeln und sozialen Medien auf - sei es, dass sich Menschen online über Kanzlerin Angela Merkels Verhalten gegenüber einem Flüchtlingsmädchen beschweren oder einem Unternehmen sexistische Werbung vorwerfen. Dabei ist Shitstorm nicht gleich Shitstorm - eine Annäherung in fünf Schritten.

1. Was ist Trollerei - und was ist angemessene Kritik?

Das Wichtigste zu Beginn: Menschen in sozialen Medien auf persönlicher Ebene anzugreifen oder gar zu bedrohen, ist falsch. Und jeder, ganz egal ob Journalistin, Berufspolitiker, Aktivistin oder Komiker hat das Recht, gegen "Trolle" - wie solche Störer im Netz heißen - vorzugehen: Twitter-Follower zu blockieren, Kommentare auf der eigenen Facebook-Seite oder dem eigenen Blog zu löschen, Anzeige zu erstatten. Das ist - der vielleicht wichtigste Punkt in Nuhrs Artikel - keine Zensur. Neben Kommentaren, die eindeutig daneben sind, enthalten viele Shitstorms aber auch nüchterne und sachliche Beiträge und eine ganze Menge Kommentare, die weder der einen noch der anderen Seite eindeutig zuzuordnen sind.

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Es ist natürlich wahr, dass im Netz nicht alle so differenziert diskutieren, wie sich das manch ein Journalist, Politiker, Prominenter wünscht. Das hat unter anderem damit zu tun, dass hier gesellschaftliche Gruppen aufeinander treffen, die sich normalerweise nicht begegnen, dass sich Menschen mit unterschiedlichem Bildungs- und Informationsstand einbringen. Und nicht nur das: Eine US-Studie hat unlängst ergeben, dass Menschen, denen ein Thema emotional besonders nahe geht, weniger in der Lage sind, dieses Thema klar zu beurteilen, Widersprüche und Feinheiten zu erkennen. Sie äußern sich in sozialen Netzwerken, die zu Übertreibungen und Zuspitzungen einladen, entsprechend.

Dazu kommt: Was der Einzelne als Beleidigung empfindet und was als angemessene Kritik, ist subjektiv. Wenn zum Beispiel Kritiker von Dieter Nuhr in verschiedenen Abwandlungen schreiben, dieser habe keine Ahnung und solle deswegen "einfach mal die Fresse halten", kann man das tatsächlich so interpretieren, als solle der Komiker "mundtot" gemacht werden, wie er selbst schreibt. Wenn man jedoch weiß, dass "Wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal Fresse halten" ein Spruch aus Nuhrs Standard-Repertoire als Komiker ist, kann man die Äußerungen auch als ironische Anspielungen lesen.

Zuguterletzt können auch hunderte nüchterne Kommentare bedrohlich wirken auf denjenigen, an den sie gerichtet sind. Das hat schon allein mit ihrer puren Masse zu tun. Auch ein bekannter Mensch wie Dieter Nuhr, der ein Millionenpublikum erreicht, ist halt nur ein einzelner Mensch, dem hunderte Kritiker gegenüber stehen.

2. Es geht um Machtverhältnisse

Auf der anderen Seite scheinen sich viele derjenigen, die sich über Shitstorms beklagen, gar nicht bewusst zu sein, in welch einer privilegierten Situation sie eigentlich sind. "Diejenigen, die sich über den "rauen Ton" beschweren, sind oft genug auch jene, die sehr daran gewöhnt sind, dass ihre Stimme gehört wird (wie z.B. Journalist_innen) und selbst bei Widerspruch ihre Relevanz nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird", schreibt etwa Autorin Lucie in dem feministischen Blog Kleinerdrei.

Denjenigen, die die Reichweite nicht haben, bleibt wenig mehr als ihre Kritik über soziale Medien zu äußern. Wenn es ziemlich viele Menschen sind, die das tun, wird diese Kritik dann natürlich zu einem Instrument, Druck auszuüben auf diejenigen, die im Hierarchieverhältnis über dem stinknormalen Nutzer stehen - sei es, weil sie Redakteur einer renommierten Zeitung sind oder eben Komiker, denen ein Millionenpublikum zuhört. Ein Instrument übrigens, das durchaus der klassischen Demo vor dem Verlagsgebäude oder der Parteizentrale ähnelt. Der Shitstorm ist damit, wenn man so will, kein Beitrag zur Debatte im feuilletonistischen Sinn, sondern eine Form von politischem Aktivismus, ein Weg, bestehende Machtverhältnisse in Frage zu stellen.

Wenn Nuhr, der Komiker mit dem Millionenpublikum, davon spricht, dass "die pöbelnde Masse" heute wieder "selbstbewusst als Handelnder" auftritt, dann hat das einen bitteren Beigeschmack. Böswillig interpretiert: "Die da unten" sollen gefälligst unten bleiben, zu seinen Auftritten kommen, aber ihm "da oben" gefälligst nicht auf die Nerven gehen mit ihrer Kritik.

Trolle! Shitstorm! Machen wir es uns etwas zu einfach?

Hannah Beitzer fordert in ihrem Text "Wir alle sind der Shitstorm", den Begriff "Shitstorm" sein zu lassen. Es müsse mehr zwischen Kritik, Debatte, Beleidigungen, Drohungen und Hass differenziert werden. Sie verweist zudem auf die große Rolle von Machtverhältnissen in Netzdebatten. Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum