Von Meike Strüber

"Herr Doktor, ich habe Spulwürmer": Wenn der Patient mehr weiß als der Arzt, ist häufig Doktor Google am Werk. Doch Cyberchondrie ist mittlerweile selbst eine Krankheit.

Mit so einer sturen Patientin hatte es Unfallchirurg Marcel Seller noch nie zu tun: Jetzt wisse sie, warum die Entzündung am großen Zeh nach zwei Operationen immer noch nicht verheilt sei, berichtet sie aufgebracht. "Sie müssen vor einer Operation immer prüfen, ob ich Bakterien im Blut habe. Wenn ja, müssen Sie den Eingriff verschieben", belehrt die 50-Jährige den verdutzten Arzt.

Bild vergrößern

Das Internet bietet Informationen zu jeder Krankheit. Wenn der Hang zur virtuellen Visite krankhaft wird, sprechen Experten von "Cyberchondrie". (© Foto: iStock)

Anzeige

Woher Sie diese Information denn habe? "Na, aus dem Internet", erwidert die Dame mit dem eingewachsenen Zehennagel, der ihr seit Wochen Schmerzen bereitet.

Nur schwer konnte der Mediziner am Westküstenkrankenhaus Heide die Patientin davon überzeugen, dass er ihren Zeh gerade wegen der Entzündung - ausgelöst durch Bakterien im Blut - operieren muss. Zu sehr klammerte sie sich an ihre digitale Diagnose, zusammengebastelt beim tagelangen Durchstöbern medizinischer Web-Seiten.

"Gerade Menschen, die Beschwerden haben, die nicht auf Anhieb eine eindeutige Diagnose zulassen, finden häufig im Internet die vermeintlich passende Behandlung oder die mögliche Ursache ihrer Krankheit", sagt Seller.

Wie Seller spüren immer mehr Ärzte die Konkurrenz der allwissenden Kollegen aus dem Cyberspace. Weltweit boomen Onlineangebote, auf denen sich Medizin-Laien problemlos Informationen beschaffen können, die bis vor wenigen Jahren nur Fachleuten zugänglich waren.

Anders als leibhaftige Ärzte sind "Doktor Google" und sein Gefolge unzähliger Medizin-Seiten rund um die Uhr erreichbar, nehmen sich alle Zeit der Welt für ihre Patienten und liefern zu jedem Symptom in Sekundenschnelle eine Diagnose - ganz ohne Praxisgebühr.

Hypochonder des Internetzeitalters

Immer häufiger verleitet der schnelle Rat vom Webdoc seine Patienten jedoch zu krankhaften Selbstdiagnosen. US-Forscher wie Brian Fallon von der Columbia-Universität in New York sprechen bereits von einer modernen Form der Hypochondrie: der "Cyberchondrie". Betroffene suchen auf Medizinportalen stundenlang nach möglichen Krankheiten für ihre Symptome und diagnostizieren sich selbst.

In Deutschland gibt es bisher keine Untersuchungen zu diesem Phänomen des Internetzeitalters. Nicht selten sind Hypochonder heute jedoch gleichzeitig "Cyberchonder", die ihre Angst mit den leicht zugänglichen Informationen aus dem Computer füttern.

Laut Psychologin Gaby Bleichhardt leiden rund sechs Prozent der Deutschen an Krankheitsängsten. "Das Internet ist für diese Menschen einfach die bequemste Recherchemöglichkeit, da ist die Hemmschwelle niedrig", meint die Hypochondrie-Spezialistin von der Universität Marburg.

Von einem eingeschränkten Zugriff auf medizinische Informationen im Netz hält Bleichhardt jedoch nichts. "Immerhin übernehmen die Patienten durch die Eigenrecherche Verantwortung für sich. Und nicht jeder, der im Netz nach einem Symptom sucht, ist gleich Cyberchonder", betont sie.

Auf der nächsten Seite: Worauf man bei medizinischen Informationen aus dem Netz achten sollte.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Mein Arzt, der Cyberdoc
  2. Mein Arzt, der Cyberdoc
Leser empfehlen