Die Wurzeln des Geschäftsmodells der digitalen Industrien liegen dagegen in den frühen Jahren des Internets als Massenmedium. Weil die Nutzung der Datenwege im Internet zunächst für Normalbürger viel zu kompliziert war, etablierten sich Ende der achtziger Jahre Internetdienste, die den Zugang auch ohne tiefergehende Computerkenntnisse möglich machten. Die beiden Vorreiter dieser Dienste waren die amerikanischen Firmen Compuserve und America Online. Neben einfachen E-Mail- und Chatprogrammen boten diese Dienste auch kostenlose Inhalte wie Videospiele, Nachrichten und Unterhaltungskanäle an.

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Digitales Klonen

Firmen wie Compuserve und America Online waren jedoch keine Kulturproduzenten. Sie verkauften Zugänge zu Datenleitungen, waren also letztlich trotz ihrer Stellung als Pioniere eines neuen Mediums nichts anderes als glorifizierte Telefongesellschaften. Ihr Geschäftsmodell basierte auf dem Verkauf von Anschlüssen und Datenübertragungen.

Die Inhalte, wie nun jede Form von Kultur im Branchenjargon genannt wurde, waren Gratiszugaben. Die allerdings etablierten eine Erwartungshaltung, die das frühe Geschäftsmodell des Internets zum Status quo der neuen Medien machte. Heute noch bekommt man zu einem DSL-Anschluss von den meisten Firmen ein Portal mit Zugriff auf Kinofilme, Videos und Musikkanäle gratis.

Die Digitalisierung von Bild, Ton und Video und ein weltumspannendes Netz von Hochgeschwindigkeitsleitungen eliminierten bald schon jede Form von Qualitätsverlust. Wenn also im Internet von Kopierschutz geredet wird, ist das nur die halbe Wahrheit. Was da über das Internet transportiert werden kann, sind eben keine Kopien mit einem deutlichen Qualitätsverlust gegenüber dem Original, wie bei einer Fotokopie oder einer Kassettenaufnahme. Es sind Klone.

Weil die Internetnutzer aber von Anfang an daran gewohnt waren, dass die Freiheit des Internets nicht nur die absolute, weltweite Meinungsfreiheit, sondern auch den kostenlosen Zugang zu Kulturgütern aller Art bedeutete, war es fast unmöglich, mit Musik, Filmen oder auch Zeitungsinhalten im Netz Geld zu verdienen. Die Tüftlermentalität der so- genannten Hacker fand immer Wege, um jeden nur erdenklichen Schutzmechanismus außer Kraft zu setzen. Ein neuer Feind war schnell gefunden - die traditionellen Medienkonzerne, die Plattenfirmen und Filmstudios. Zugegeben, nicht gerade sympathische Firmen, deren Geschäftsmethoden oft recht ruppig waren.

Die Aushebelung der Urheberrechte schafft jetzt schon ein Zweiklassensystem mit einem tiefen Graben zwischen Stars und einem kulturellen Prekariat. Die Auswirkungen auf die Zukunft der Kulturen ist schwer abzuschätzen. Sicher, die Kreativität, die digitale Technologien freisetzt, ist nicht zu leugnen. Doch da wird viel schöngeredet. Der beliebte Vergleich zwischen Urheberrechten und Patenten hinkt. Patente lassen sich vermarkten. Tantiemen sind dagegen nur ein kultureller Gesellschaftsvertrag. Der ist nun in Gefahr.

In der Firma Apple vereinen sich allerdings der revolutionäre Gestus der Computer-Pioniere aus den Subkulturen und das Geschäftsmodell des Internets mit einem brillanten Designkonzept zu einer neoliberalen Ersatzkultur, in der die traditionellen Kulturgüter Musik, Film, Bild und Text eben nur Inhalte sind, eine Art Schmierstoff, um die Geräte am Laufen zu halten. Es gibt einen Essay von Apple-Chef Steve Jobs mit dem Titel "Gedanken über Musik", der sich wie eine ausführliche Begründung liest, warum die Plattenindustrie ihren Anspruch auf Kopierschutz aufzugeben hat. Das macht deutlich, dass es Apple natürlich nicht um die Musik geht, sondern darum, Computer und Musikspieler zu verkaufen. Koste es, was es wolle.

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(SZ vom 10.01.2009/mri)