Kommentarkultur auf Facebook Keineswegs unsichtbar

In Facebook-Kommentaren schreiben beispielsweise Ärzte und Lehrer herablassend über die Toten von Lampedusa. Was am Stammtisch verhallen würde, wird auf Facebook gespeichert. Eine einfache Suche reicht, um zu sehen, dass der Rassismus tief im Bürgertum verankert ist.

Von Hakan Tanriverdi

Zwei Minuten dauert es, maximal, dann hat man genügend Material gesammelt, um einen Menschen in akute Erklärungsnöte zu bringen oder wahlweise einen Anwalt einzuschalten. Zwei Minuten, um zu sehen, dass der Rassismus kein Randphänomen ist, sondern direkt im Bürgertum verankert ist, in Köpfen von Philosophie-Studenten und Ärzten. Nachzulesen in Facebook-Kommentaren, auf Facebook-Seiten von Süddeutsche.de (bis sie moderativ entfernt werden) genauso wie auf anderen Facebook-Seiten von anderen Zeitungen unter fast jedem Artikel, der sich mit dem Thema Lampedusa und den inzwischen weit mehr als 200 toten Menschen beschäftigt.

Alles, was man braucht, ist ein Facebook-Name und ein paar Minuten mit einer Suchmaschine. Anschließend ist man oft im Besitz von: Adresse, Telefonnummer, Art und Datum des Schulabschlusses, etwaige Mitgliedschaften in Vereinen, Termine für Vorträge und Lesungen - weitere Informationen sind nur einen Klick entfernt.

Die Suche lässt sich problemlos verfeinern. Es gibt Seiten, die sich darauf spezialisieren, soziale Netzwerke zu durchsuchen - Facebook und Twitter beispielsweise bieten dafür offene Schnittstellen, die man anzapfen und anschließend gezielt filtern kann.

Es ist ein paradoxes Phänomen: Einerseits haben die Nutzer ihre Profileinstellungen so privat wie möglich gehalten, damit kein Unbefugter sehen kann, was eine Person macht und mag. Andererseits schreiben dieselben Menschen, für alle Öffentlichkeit lesbar, hetzerische Kommentare nur eine Seite weiter im Netz.

Da ist zum Beispiel der ehemalige Philosophie-Student und mittlerweile Lehrer, der Texte schreibt und Vorträge hält, in denen er detailliert über Rassismus spricht. Der sich regelmäßig mit Migranten trifft, um ihnen zu helfen. Der gleichzeitig aber Flüchtlingen unterstellt, potenzielle Deutschenfeinde zu sein, die sich aus kulturellen Gründen in diesem Land nicht zurechtfinden könnten und die früher oder später aus diesem Grund zu Gewalttätern würden.*

Da ist der Arzt, der Flüchtlinge ablehnt, weil er glaubt, es würden in erster Linie frauenverachtende Islamisten nach Deutschland kommen.

Oder der Atheist, der sich ausgiebig und klug mit der Frage auseinandersetzt, warum ein Staat strikt säkular bleiben muss, also in Sachen Glaubensfragen neutral. Wenn er aber über Lampedusa und die toten Flüchtlinge spricht, ist für ihn nur eine Sache relevant: Die Linken würden das Thema ausschlachten.

Die Beispiele deuten das Spektrum nur an. Es sind Sätze, die aller Wahrscheinlichkeit nach auch am Stammtisch fallen, parolenartig in den Raum gebrüllt. Was viele aber nicht bedenken, ist, dass der virtuelle Raum auf Dauer angelegt ist und nicht unterscheidet, ob eine Aussage stundenlang überdacht oder in Rage verfasst wurde. Auf Facebook bleibt sie mit dem Namen verknüpft.

Durch die Art, wie Facebook aufgebaut ist, entsteht bei vielen Nutzern das Gefühl, unbeobachtet zu sein. Das passiert vor allem dadurch, dass die Profilseite als klar abgegrenzter Raum funktioniert, in dem der jeweilige Nutzer einstellen kann, wie viel er preisgeben will. Kommentare sind teilöffentlich. Öffentlich, weil sie lesbar sind. Aber nur zum Teil, weil die Kommentare an keiner Stelle gebündelt angezeigt werden und somit schnell in der Masse untergehen. Für Facebook spielt Ordnung zu halten an dieser Stelle noch keine Rolle.

Was passiert, wenn sich im Bereich der Profile etwas ändert, hat sich 2012 gezeigt. Damals führte Facebook eine neue Funktion ein, die Chronik. Sämtliche Beiträge standen nun gut sichtbar und nach konkreten Daten geordnet, zum Beispiel Oktober 2011, abrufbar auf der Profilseite. Zurückverfolgbar bis hin zu den ersten Beiträgen.

Einen Monat nach dieser Einführung beschwerten sich Nutzer, dass plötzlich ihre Privatnachrichten auf der besagten Chronik veröffentlicht worden wären. Beweise blieben aus, Facebook stritt die Anschuldigung jedes Mal erneut ab.

Wahrscheinlicher ist eine andere Theorie: Die Nutzer kommunizierten früher anders. Offener und sorgloser, der Begriff "Impression management" (sieht mein Chef, dass ich Partybilder poste?) spielte noch keine Rolle.

Facebook verfeinert seine Suchfunktion mit dem Namen "Graph Search" kontinuierlich. In Zukunft soll es möglich sein, auf der Seite noch genauer Ergebnisse zu finden, bis hinein in die Ebene der Kommentare kann nachvollzogen werden, was die eigenen Freunde so mitzuteilen haben. Dadurch können sämtliche Äußerungen eher sortiert werden.

Denn die Kommentare sind - auch jetzt schon - lediglich ungeordnet. Aber keineswegs unsichtbar.

*Um die Anonymität der Personen zu wahren, sind Teile der Beschreibungen abgeändert und/oder bewusst knapp gehalten. In der Beschreibung wird grundsätzlich die männliche Form verwendet.

Linktipp: In dieser Woche beleuchtet die Redaktion von Süddeutsche.de das Thema "Diskriminierung im Alltag". Alle Texte dazu finden Sie auf unserer Themenseite.