Streit um das Urheberrecht: Wie die Musikindustrie ihre Kunden bevormundet. Ein Kommentar von Christopher Schrader.

(SZ vom 29.1.2003) - Die Bundesregierung versucht gerade ein tolles Kunststück. Sie stärkt ein Recht der Verbraucher und entreißt es ihm zugleich wieder. Es geht um die Stellung der so genannten Privatkopie im Urheberrecht, das der Bundestag demnächst reformieren soll: Wer sich eine Musik-CD kauft, bekommt dann zwar das Recht, sich auch mit einem CD-Brenner eine Kopie zu machen, zum Beispiel fürs Auto. Doch die Plattenfirma hat umgekehrt das Recht, ihr Produkt mit einem Kopierschutz zu versehen, und dann ist der Käufer machtlos; er darf diesen Mechanismus nicht umgehen.

MP3-Player

Die MP3-Technik ist kein Spielzeug für Computerspezialisten: Millionen Deutsche nutzen das Format, um digitale Musik ohne Qualitätsverlust zusammenzupressen. (© )

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Restlos überzeugt von dieser Regelung ist wohl kaum einer der Abgeordneten; am heutigen Mittwoch ruft der Rechtsausschuss darum zur öffentlichen Anhörung. Bei dem Konflikt treffen fundamentale Interessen aufeinander: Einerseits möchten Künstler und Musikindustrie mit ihrer Arbeit Geld verdienen, und das wird schwerer, wenn die Musikstücke umsonst aus Tauschbörsen im Internet geladen werden können. Andererseits haben die Käufer ein Interesse daran, die Musik auf die Art und Weise zu nutzen, die ihnen gefällt. Die dabei verwandte MP3-Technik ist kein Spielzeug für Computerspezialisten: Millionen Deutsche nutzen das Format, um digitale Musik ohne Qualitätsverlust zusammenzupressen. Dann passen zum Beispiel Beethovens neun Symphonien auf eine CD.

Der Streit um die Privatkopie speist sich aus den übertriebenen Erwartungen beider Seiten. Die Tauschbörsen-Nutzer müssen akzeptieren, dass das Urheberrecht ein schützenswertes Gut ist. Dagegen zu verstoßen ist keine Bagatelle, sondern Diebstahl. Mit Raubkopien aus dem Internet darf man sich nicht brüsten; in Tauschbörsen haben aktuelle Hits nichts verloren. Wer sich von einem Stück eine Kopie machen möchte, soll das von einem erkennbar legalen, gekauften Original tun.

Die Plattenindustrie auf der anderen Seite muss ihr überholtes Geschäftsmodell überdenken. Sie sperrt sich sozusagen gegen die Einführung des Supermarkts mit Selbstbedienung, weil sie ihren Kunden grundsätzlich misstraut. Tatsächlich wird im Supermarkt geklaut, aber die überwiegende Zahl der Besucher ist ehrlich. Die Musikverlage müssen das Internet endlich als globale Geschäftsfläche begreifen und kreative Möglichkeiten bieten, einzelne Stücke zu fairen Preisen aus dem Netz zu beziehen. Da können dann Tophits teurer sein als Songs, die schon einige Jahre alt sind. Auch das Recht, das Stück nach eigenem Gusto zu nutzen, dürfen sich die Musikverlage angemessen bezahlen lassen.

Kopierschutz auf CDs ist jedoch eine Bevormundung des Käufers. Wer darauf beharrt, bremst zudem die Entwicklung neuer Geräte, die dann ja niemand wie gewünscht nutzen kann. Daher müssen ehrliche Kunden mindestens die Möglichkeit bekommen, sich eine begrenzte Zahl privater Kopien herzustellen.

Der Gesetzentwurf in seiner jetzigen Form trägt nichts zu einem Kompromiss bei. Er stärkt die Musikindustrie zu Lasten ihrer Kunden und nimmt den Firmen den Anreiz, neue Absatzwege zu suchen.

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