IT-Sicherheit Die drei Missverständnisse der digitalen Debatte

Das Internet der Dinge ist unsicher - weil kommerzielle Interessen überwiegen. Aber andere Branchen haben vorgemacht, dass man Interessen von Bürgern und Unternehmen versöhnen kann.

(Foto: SZ)

Das Internet der Dinge ist unsicher. Doch wir mussten auch im Straßenverkehr erst lernen, dass man Säuglinge nicht unangeschnallt auf den Rücksitz legt.

Von Dirk von Gehlen

Wer dieser Tage mit Menschen spricht, die sich für Privatsphäre im digitalen Raum interessieren, hört gelegentlich den Satz: "Das S in 'Internet der Dinge' steht für Sicherheit". Die SZ-Recherche zu Sicherheitslücken in vernetzten Geräten aus den vergangenen Tage zeigt: In 'Internet der Dinge' gibt es gar kein S - nicht mal ein kleines.

Millionen Webkameras, Drucker, Festplatten und Steuerungen sind unsicher, die Privatsphäre ihrer Besitzer ist in Gefahr. Wer die Recherche gelesen hat, weiß: Das muss sich dringend ändern. Wir brauchen Sicherheit im Internet der Dinge, und so utopisch es klingt: Das ist möglich.

Heute erscheint unreguliertes Autofahren fahrlässig

Andere Branchen haben vorgemacht, dass man die Interessen von Bürgern und Unternehmen versöhnen kann. Beim Internet der Dinge ist es so: Die Hersteller der Geräte wollen Vernetzung um jeden Preis und hohe Margen, Verbraucher wollen bei aller Bequemlichkeit keine Sicherheitseinbußen hinnehmen. Diese Herausforderung hat auch die Autoindustrie gelöst - indem sie den Sicherheitsgurt einführte. Eine Lösung also, die Gefahren des Straßenverkehrs minimiert - und dennoch nicht auf seine Vorzüge verzichtet. Eine solche Erfindung wird es auch im Bereich der Datensicherheit geben. Das Problem: Wir wissen noch nicht genau, wie wir dorthin kommen. Wir wissen nur: Schnell geht es nicht.

Es dauerte auch, bis jemand auf die Idee kam, einen Sicherheitsgurt zu erfinden. Dann dauerte es noch einmal eine ganze Weile, bis man sich zur gesetzlichen Vorschrift durchrang, den Gurt auch immer und auf allen Sitzen des Autos anzulegen. Es erscheint uns heute fahrlässig und absurd: Menschen sahen es als normal an, sogar Säuglinge ohne Sicherung auf der Rückbank eines Autos zu transportieren. Dabei ist das noch gar nicht so lange her: Viele dieser Menschen leben heute noch, wir könnten sie fragen.

Mit dem gleichen Kopfschütteln, mit dem wir diesbezüglich auf die Generation vor uns blicken, wird die Generation nach uns auf die Gegenwart und den derzeitigen Umgang mit Daten schauen. Das wird uns dann vielleicht ein wenig unangenehm sein, es hat aber auch etwas Tröstliches.

Auch die Autobranche hat sich einst gewehrt

Denn auch diese Menschen leben heute bereits. Die Generation unserer Kinder und Kindeskinder wird Anwendungen für das Internet der Dinge und andere digitale Systeme erfinden, die wie Sicherheitsgurte im Auto funktionieren. Wir könnten sie heute schon fragen - oder zumindest darin unterstützen, diese Lösungen zu finden.

So tröstlich diese Aussicht sein mag, so klar ist auch: Es geht nicht von alleine. Engagement ist gefragt. Der Kampf für die Anschallpflicht war lang. Die Branche lehnte Regulierung damals genauso ab wie es Gerätehersteller, die an der Sicherheit sparen, und Datenhändler heute tun. Wir dürfen den Kampf für Sicherheit im digitalen Raum nicht auf die nächste Generation vertagen. Wir müssen ihr vielmehr - auch politisch - Rahmenbedingungen schaffen, um die Lösungen zu finden. Dafür sollten wir mit drei Missverständnissen aufräumen, die die Debatte lähmen, und zwar seit den Enthüllungen Edward Snowdens über Massenüberwachung.

Zunächst sollte man sich vor dem Fatalismus hüten, der mit jeder neuen Schreckensmeldung zu wachsen scheint. "Im Internet werden wir doch eh alle überwacht", sagen Menschen, deren Ratlosigkeit zu tatenlosem Zynismus geworden ist. Dem muss man laut widersprechen, in Gremien, Parlamenten und bei Oma an der Kaffeetafel. Denn jedes "ist doch eh egal" ist ein Schlag gegen die Generation von morgen. Wer so denkt, hat den Kampf bereits verloren, bevor er überhaupt begonnen hat - auch den für mehr Sicherheit im digitalen Raum. Weil es eben nicht egal ist, wenn unantastbare Menschenrechte aus kommerziellen oder politischen Gründen angegrapscht werden.