IT-Sicherheit Seine Mission: Für das FBI Botnetze ausschalten

Nicht alle Hacker arbeiten in dunklen Räumen mit Neonlicht.

(Foto: Matthias Ferdinand Döring)

Der deutsche IT-Sicherheitsforscher Tillmann Werner half der US-Behörde, einen gefährlichen Hacker zu jagen.

Von Hakan Tanriverdi, Bonn

Kurz bevor Tillmann Werner in die USA fliegt, fällt ihm ein Server auf, den die Agenten des FBI übersehen haben. "Das war schon ätzend", sagt er heute. Nur "aus einer Laune heraus" habe er mit Kollegen das Internet noch einmal nach speziell konfigurierten Servern durchsucht - Wege, über die kriminelle Hacker versuchen könnten, sich gegen die Übernahme durch die amerikanische Bundespolizei zu wehren.

Tatsächlich wurde er fündig. Eine monatelang geplante Aktion, verteilt über zwei Kontinente, um einem Netzwerk krimineller Hacker ihre digitalen Werkzeuge abzuknöpfen: Sie droht zu scheitern wegen eines vermeidbaren Fehlers.

Tillmann Werner ist Sicherheitsforscher und hilft Ermittlern wie dem FBI.

(Foto: oh)

Werner steigt in den Flieger, es ist Mitte 2014, er ist unterwegs nach Pittsburgh, USA, und schreibt gleich weiter am Programmiercode. 90 000 Zeilen werden er und die anderen vier IT-Sicherheitsforscher er am Ende des Einsatzes insgesamt kreiert haben.

Schaden von mindestens 150 Millionen Dollar

Mit diesem Code können Ermittler des FBI "Gameover Zeus" lahmlegen - ein gewaltiges Botnetz, das nach Angaben der Behörde mehr als eine Million Rechner kontrolliert hatte. So gelingt es ihnen, eine der berüchtigtsten im Netz agierenden kriminellen Banden empfindlich zu treffen. Die Hacker haben den Ermittlern zufolge einen Schaden von mindestens 150 Millionen Dollar verursacht. Werner stellte sicher, dass die technische Seite des FBI-Gegenangriffs fehlerfrei ablief.

IT-Sicherheitsexperten erklären komplexe technische Begriffe in einer Sprache, die vor Allegorien strotzt. Ein Botnetz beschreiben sie als Verhältnis zwischen einem Herrscher und seinen Sklaven. Ein klassisches Botnetz infiziert Computer und verteilt Befehle zentral, über einen Server auf andere. Diese technische Infrastruktur sei sofort "verbrannt", also öffentlich bekannt, wie der 38-jährige sagt: "Da werden ja mehr als hunderttausend Rechner infiziert". Um die Netze auszuschalten, können Polizisten versuchen, diese Server vom Internet zu nehmen.

So funktioniert ein Botnetz

Ermittler haben in einer großangelegten Aktion die wohl größte Infrastruktur für diese Waffe von Kriminellen ausgehoben. Aber was ist ein Botnetz überhaupt? Von Simon Hurtz und Marvin Strathmann mehr ...

Botnetze wie Gameover Zeus sind noch komplexer. Statt die Befehle über zentrale Webseiten zu erhalten, kommunizieren Rechner in erster Linie untereinander und verteilen die Daten. Es ist ungleich schwieriger, diese dezentrale Kommunikation zu kappen, die ohne Hierarchie abläuft. Sicherheitsforscher müssen die infizierten Rechner dazu bringen, Befehle von einer anderen zentralen Stelle zu akzeptieren - nämlich von den Forschern selbst -, erst dann können sie das Botnetz deaktivieren.

Sie machen sich also selbst zum neuen Herrscher der Diener. Die zentralen Server der Hacker existieren weiterhin, bleiben aber im Hintergrund. Über sie können Kriminelle versuchen, den Gegenangriff zu starten, Notfall-Kommunikation aufzubauen und den Sicherheitsforschern die Kontrolle wieder zu entreißen.

"Da hole ich mir fünf Millionen auf einen Schlag"

Die Strategie der Kriminellen, die Werner durchkreuzen will, geht so: Über Schadsoftware infizieren die Hacker Rechner, zum Beispiel mit einem Mail-Anhang. Wer ihn öffnet, installiert ihre Programme, ohne es zu merken. Beim nächsten Aufruf einer Bank-Webseite ändern die Hacker zum Beispiel deren Aussehen. Die Opfer geben noch mehr Informationen über sich preis, die bei den Hackern landen. Auchie Login-Daten haben diese nun, da sie jedes getippte Wort protokollieren.

Sobald sich die Besitzer online in ihr Bankkonto einloggen, und auf diesem Konto sechs-- oder siebenstellige Summen lagen, greifen die Hacker zu. "Die haben sich gesagt: 'Da hole ich mir fünf Millionen auf einen Schlag.' Aber natürlich schlägt dann das interne Banksystem Alarm", sagt Werner.

Um die Bank abzulenken, starten die Hacker deshalb zusätzlichen einen DDoS-Angriff (Distributed Denial of Service). Die Server der Bank werden mit Anfragen überflutet. Dieser Angriff beschäftigt die IT-Abteilung, niemand registriert die teure Transaktion. Die Überweisung geht durch, die Kriminellen sahnen ab.

Über Jahre ein Schatten gejagt

Am Telefon erzählt ein beteiligter Ermittler, dass es sich über Jahre anfühlte, als würden sie einen Schatten jagen. "Es ist schwer, herauszufinden, wer ein Botnetz betreibt, weil diese Menschen sehr viel Wert drauf legen, anonym zu bleiben", erzählt der Mann, der nicht namentlich genannt werden darf. Manchmal würden ihnen aber Fehler unterlaufen. Dann könne man zuschlagen. "Diese Menschen haben ein normales Leben und ein kriminelles Leben. Mein Job ist es, jenen Punkt zu finden, an dem sich beide Leben überschneiden."

Davon, etwas über das normale Leben des Hackers heraus zu finden, sind die Ermittler über Jahre weit entfernt, sie kennen nur seine vielen Online-Pseudonyme: "Slavik" ist eins davon. Dafür sind die Agenten sehr gut vertraut mit seinem kriminellen Leben, nämlich den bevorzugten Hacking-Methoden des "Business Club", wie die Gruppe genannt wird, die Gameover Zeus eingesetzt hat und deren Chef Slavik ist. Jahre später finden IT-Sicherheitsforscher der Firma Fox-IT dann in mühevoller Kleinarbeit heraus, dass Slavik mit einer E-Mail-Adresse in Verbindung zu bringen ist, die am Ende zu einem echten Namen führt: Jewgeni Michailowitsch Bogatschow.

Wenn Werner über Bogatschow spricht, nennt er dessen Vorgehen mal "außergewöhnlich", mal spricht er von einer kriminellen Organisation, die man als Mafia bezeichnen könne. Offensichtlich schätzt Werner die technischen Fähigkeiten des Mannes, dessen Werk er zerstört hat. Ein ebenbürtiger Gegner.