Mit Riesenaufwand versucht China, das Internet zu zensieren. Doch es hat sich schon eine Subkultur entwickelt, die Tunnels in den "Great Firewall" gräbt.
Die Macht der Bilder - wer sie zu fürchten hat, tut alles, damit sie ihre zersetzende Wirkung nicht entfalten kann. Als den Militär-Machthabern in Rangun klar wurde, wie sehr die Fotos und Videos von prügelnden Sicherheitskräften die Weltöffentlichkeit für die Opposition in Birma einnahmen, ließen sie den gesamten Internetverkehr blockieren; sogar Mobiltelefone funktionierten plötzlich nicht mehr. Auch China fürchtet nun den Eindruck, den die aktuellen Bilder aus Tibet hinterlassen, kann aber nicht so radikal vorgehen wie die birmanische Junta. Die aufstrebende Wirtschaftsmacht im Fernen Osten braucht aus ökonomischen Gründen einen funktionierenden Anschluss an das Weltnetz.
Vor Inhalte, die China für gefährlich hält, baut es einen virtuellen Stacheldrahtzaun. (© Foto: iStock)
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Die kommunistische Regierung greift daher zu einer Mischung aus menschlicher und maschineller Überwachung. So will sie sicherstellen, dass das Internet nicht zur Verbreitung von Gedankengut benutzt wird, welches in ihren Augen subversiv ist, und dass die Benutzer keinen Zugang zu politisch unerwünschten Webseiten haben. Solange das Netz aber generell zugänglich bleibt, ist es unmöglich, diese Ziele zu erreichen. Wer sich auskennt, findet Tricks, den "Great Firewall" zu überwinden. So wird die Mauer der Zensur in Anlehnung an den "Great Wall" (englisch für die chinesische Mauer) genannt, die wie Computer-Firewalls in Firmen über den Datenaustausch wacht.
Eine eigene Industrie gräbt Löcher in den Abwehrwall
Jeglicher Datenverkehr in China wird über einen riesigen Verbund von Rechnern geleitet, der alle Seitenabrufe daraufhin überprüft, ob es sich um ein verbotenes Angebot handelt. Um eine unerwünschte Nachricht zu blockieren, genügt es, die entsprechende Internetadresse auf die schwarze Liste zu setzen. Jüngst geschehen ist das beim Videoportal www.youtube.com. Sobald eine Information abgerufen werden soll, die mit dieser Adresse beginnt, wird der Zugang verweigert. Eine der jüngeren Erweiterung des Great Firewall ist der "Goldene Schild", der seit dem Jahr 2006 voll in Betrieb ist. Unterstützt von Hardware aus dem Westen, überwachen bezahlte Spione das Internet auf verdächtige Begriffe in Blogs oder E-Mails. Längst hat sich in China aber eine Subkultur entwickelt - sogar eine kleine Industrie -, die nichts anderes tut als Löcher in dem bürokratischen Abwehrschirm zu suchen. Gegen Bezahlung bietet sie Hilfe beim Graben virtueller Tunnels durch die "Great Firewall" und erteilt Nachhilfe, wie man seine E-Mail verschlüsselt. Um an ungefilterte Suchergebnisse zu kommen, kann man auch ausländische Versionen von Suchmaschinen aufrufen. Wer fürchtet, dass der Datenverkehr aufgezeichnet wird, verwendet sogenannte Anonymisierer: Der Verkehr läuft dann über viele zwischengeschaltete Rechner, die angeordnet sind wie Zwiebelschalen. Von Schale zu Schale wird es schwieriger, den ursprünglichen Sender oder Empfänger festzustellen.
Wen die Staatsmacht auf dem Kieker hat, der muss freilich auf alles gefasst sein. Als der deutsch-britische Journalist Oliver August einem Beamten von seinem nahezu fertigen Buch erzählte, soll der prompt geantwortet haben: "Ja, es hat mir gefallen." Wieder zu Hause, stellte August fest, dass sich jemand an seinem Computer zu schaffen gemacht hatte.
- Blogger in Birma Cyber-Dissidenten 27.09.2007
- OSZE-Bericht Zensur im Internet nimmt zu 27.07.2007
- Suchmaschinen-Zensur Ein bombiger Plan 11.09.2007
(SZ vom 19.3.2008/mia)
Rekord in Deutschland
dieser Beitrag hat mich sehr interessiert.
Mit der im vorletzten Absatz erwähnte Verschlüsselung nach dem Zwiebelprinzip ist wahrscheinlich TOR gemeint. Das ist leider alles andere als ungefährlich. Zwar kann man nicht mehr anhand der Verbindung auf den Rechner des Nutzers zurückschließen. Allerdings endet der Schutz von TOR am letzten Knoten, der dann die Verbindung zur Ursprünglich aufgerufenen Seite herstellt. Wenn diese Verbindung nicht zusätzlich geschützt ist, etwa durch SSL, kann dieser Knoten bequem die gesamte Kommunikation mitlesen oder zu verändern. Nicht nur Geheimdienste stehen schon länger im Verdacht, absichtlich solche Exitnodes zu betreiben, sondern auch Cracker und Spammer, die so etwa an Zugangsdaten zu E-Mail-Accounts gelangen.