Internetzensur in China Dicker Luo, ganz leise

China geht mit neuer Wucht gegen regierungskritische Blogger vor: 91 Webseiten haben die Behörden in der vergangenen Woche gesperrt.

Von Henrik Bork

Halb China redet gerade über den "dicken Luo", wie er liebevoll genannt wird. Zumindest alle progressiven Journalisten, Blogger und Studenten des Landes. Der dicke Luo, das ist der 36-jährige Chinese Luo Yonghao, ein übergewichtiger ehemaliger Englischlehrer aus der nordchinesischen Provinz Jilin. Seine Blog-Plattform www.bullog.cn ist das prominenteste Opfer einer neuen Zensurwelle im chinesischen Internet.

Internetzensur in China: Für die 298 Millionen Nutzer ist das Verbot ausländischer Webseiten wie der von Amnesty International ein zweitrangiges Problem.

(Foto: Foto: dpa)

Insgesamt 91 Webseiten haben die Behörden im Laufe der vergangenen Woche in China zwangsweise geschlossen, die meisten wegen "vulgären Inhaltes" im Rahmen einer Kampagne gegen Pornographie im Internet. Die Schließung von bullog.cn jedoch war eindeutig politisch motiviert. Am Freitag vergangener Woche erhielt Luo eine E-Mail der Zensoren. "Ni hao", guten Tag, meldete sich höflich das Pekinger Amt für Telekommunikation (Beijingshi Tongguanju). Bullog.cn habe "schädliche Informationen über aktuelle Ereignisse und Politik" verbreitet, teilten die Genossen ganz sachlich mit. Kurz darauf merkte Luo, dass seine Blog-Plattform im Internet nicht mehr aufrufbar ist.

"Zum Heulen!, frustrierend!, schlimm!"

Die Schließung hat im chinesischen Teil des Internets einen beispiellosen Aufschrei ausgelöst. "Zum Heulen!, frustrierend!, schlimm!", sind noch die wohlerzogensten der Kommentare. Denn bullog.cn des dicken Luo war nicht irgendeine Webseite. Es war die einzige Plattform im chinesischen Internet mit einer eindeutig liberalen Ausrichtung. Bullog.cn war so regierungskritisch wie es gerade noch zulässig war.

Wer sonst hätte es sich beispielsweise getraut, Blogs mit der Überschrift "Ich bin gegen die Pekinger Olympiade" zu veröffentlichen. Wer vom dicken Luo eingeladen wurde, einen Blog zu schreiben, war meist schon berühmt. Vom kritischen Künstler Ai Weiwei über den jungen Autor Han Han, bis hin zu eher politischen Kolumnisten wie Lian Yue oder Ran Yunfei - die Blog-Plattform versammelte einige der klügsten und kritischsten Geister Chinas.

Blogger forderten Entmachtung der Regierung

Einer von ihnen, der Blogger und Medienforscher An Ti, sitzt an einem dieser Januarabende in einer Bar namens "Bett" in der Zhangwang-Gasse nördlich des Pekinger Trommelturms und bearbeitet fast pausenlos seinen Blackberry. "Die Leute sind wütend über die Schließung", sagt An Ti. Eigentlich heißt er Zhang. Den Namen "An Ti" hat er sich selbst gegeben, ein chinesisches Spiel mit dem englischen "anti". "Ich wollte einen Namen haben, der klarmacht, dass ich in der Opposition bin", sagt An Ti.

Der Blogger hat keinen Zweifel daran, dass die Charta 08 der wahre Grund für das Ende von bullog.cn ist. Am 9. Dezember hatten zunächst 303 chinesische Journalisten, Schriftsteller und andere Intellektuelle diesen programmatischen Aufruf für Demokratie veröffentlicht. Der dicke Luo gehört nicht zu den Erstunterzeichnern, wohl aber einer seiner radikalsten Blogger, Ran Yunfei. Inzwischen haben mindestens fünf der Stars von bullog.cn die Charta unterzeichnet, darunter der Künstler Ai Weiwei. "Die meisten Chinesen haben über bullog.cn von der Charta erfahren", sagt An Ti.

Die Kommunistische Partei Chinas, deren Entmachtung in der Charta 08 offen gefordert wird, hat einen der Initiatoren des Pamphlets ins Gefängnis werfen lassen. Liu Xiaobo ist kurz nach der Veröffentlichung spurlos verschwunden. Rund 100 weitere Unterzeichner sind verhört worden. Obwohl dies weltweit zu Recht empörte Reaktionen ausgelöst hat, ist dieses Ausmaß an Repression für chinesische Verhältnisse nicht hart, sondern ungewöhnlich moderat. "Die Regierung hat Angst, in diesem sensiblen Jahr allzu hart durchzugreifen und eine Gegenbewegung auszulösen", vermutet ein politisch aktiver Pekinger Bürger.