Internetkonferenz Re:publica Wenn Mainstream-Acts auf Nischenkünstler treffen

Auf der Internetkonferenz Re:publica debattieren Netzkonservative mit Netzanarchisten über Urheberrecht, Netzneutralität und Aktivismus. Die Debatten zeigen, dass die sogenannte Netzgemeinde alles andere als homogen ist.

Von Johannes Kuhn

In gewisser Weise funktioniert die Internetkonferenz Re:publica, die derzeit in Berlin stattfindet, wie ein Musikfestival: Statt Bands gibt es Vorträge und Diskussionsrunden. Sie passen aber durchaus in das Schema eines Festival-Wochenendes.

Da gibt es musikalische Institutionen, die man hierzulande eher selten sieht (Keynote-Sprecher und Columbia-Professor Eben Moglen), die gefeierten Deutschpunker (Lawblogger Udo Vetter), die jedes Jahr die gleichen Hits spielen, experimentelle Nischen-Bands mit kleiner aber feiner Gefolgschaft (Verleihung des Finanzblogger-Awards), Weltmusik-Künstler, die vor fast leerem Saal auftreten (Vertreter des Blognetzwerks Global Voices) oder die Lokalmatadore, die ihr neues Album vorstellen (Digitale Gesellschaft und "Adoptier Deinen Abgeordneten").

Dazu kommen Mainstream-Acts, von denen man von vorneherein weiß, dass sie langweilig sind (EU-Kommissarin Neelie Kroes) und welche, mit deren Fans man sicherlich nicht über die objektive Qualität der Performance debattieren kann (Sascha Lobo). Und am Ende es Tages geht es doch vor allem darum, ein Bier mit Freunden und Bekannten zu trinken, die man sonst das ganze Jahr nicht sieht.

Die Fragen nehmen zu

Nun ist die Re:publica mit ihren 4000 Besuchern im Vergleich noch kein Rock am Ring oder Coachella, aber eben auch kein kleines Fusion-Festival des Internets mehr. Der Veranstaltungsort ist ebenso größer (und ironischerweise einem Festival ähnlicher) geworden wie die Sponsorenstände, Google schmeißt abends eine Party und Mario Sixtus entführt einige Besucher für eine Fotosession in zwielichtige Etablissements.

Bei dem Drumherum könnte man fast vergessen, dass die Zahl der im digitalen Raum stehenden Fragen Jahr für Jahr zunimmt - und mit ihr die Vielfalt der Positionen. Auf der Re:publica ist es Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Clubs, der die Besucher daran erinnert: "Die DDoS-Attacken, die Anonymous ausgeführt hat, entsprechen nicht dem ethischen Hacker-Grundsatz des freien Kommunikationsflusses", gibt er auf einem Podium zu Protokoll. Sein Gegenüber, Promi-Hacker Jacob Appelbaum, hält dagegen: Die Strategie des Hacker-Kollektivs sei legitim, weil die Gegenseite (FBI, Großunternehmen) auch nicht mit fairen Mitteln kämpfe.

Ist nun Rieger ein Netzkonservativer? Oder Appelbaum ein Anarchist? Anders als vor einigen Jahren spielen solche Meinungsunterschiede heute auch in der gesamtgesellschaftlichen Debatte eine große Rolle, immerhin ist Anonymous trotz aller FBI-Infiltrationen und Verhaftungen ein wichtiger Akteur im Bereich des Internet-Aktivismus.

In der Mehrzahl Technoptimisten

"Wir schleppen gefährliche Dinge mit uns herum, die nicht für uns arbeiten", sagt Columbia-Professor Eben Moglen. Der rasante technische Fortschritt lässt auch die Möglichkeit zur Überwachung steigen - Smartphone, Tablet und Computer sind so längst auch Einfallstor in unsere Privatsphäre geworden. Für eine Konferenz, deren Teilnehmer in der Mehrzahl Technoptimisten sind, ist das durchaus schwere Kost. Während auf der Re:publica gerade erst die gesellschaftlichen Veränderungen durch digital angetriebene Partizipation debattiert werden, deutet sich in Moglens Worten an, dass der Kampf um die Internetfreiheit wieder deutlich technischer wird. Neben beinahe schon klassischen Themen wie Vorratsdatenspeicherung, Netzneutralität und Urheberrecht wird die Sprengung der Blackbox, also von proprietären Computersystemen und undurchsichtigen Codes, womöglich bald wieder größeres Gewicht erhalten.

Auch Cindy Gallop, Gründerin von "Make Love, Not Porn", verbindet eine Mischung aus Progressivität und Konservatismus. Die Britin kämpft für einen freieren Umgang mit Sex - und kritisiert gleichzeitig die Porno-Kultur des Internets, die jungen Männern eine "peniszentrierte" Sichtweise von Sexualität vermittelt.

Ihre auf Kommentare im Netz gemünzten Worte "Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wir sehen die Dinge, wie wir sind", passen deshalb auch auf die Wahrnehmung der Gruppe, die so häufig wie ungerechtfertigt auf das Label "Netzgemeinde" reduziert wird. Dass die Re:publica zumindest den Versuch übernimmt, die Diversität der Positionen innerhalb dieser netzprogressiven Bewegung darzustellen, ist den Machern nach wie vor hoch anzurechnen.