Internet-Zensur Google liebäugelt mit Kurswechsel in China

Google gilt als Kämpfer gegen die chinesische Internet-Zensur, doch nun könnte der verlockende Smartphone-Markt die Firma zum Umdenken bewegen: Wie das "Wall Street Journal" berichtet, will das Unternehmen seinen Android Market in China einführen. Das wäre allerdings mit Zensurzusagen verbunden.

Vor zwei Jahren kündigte Google den Rückzug aus China an, doch der Zugang zum Milliardenmarkt scheint doch zu verlockend zu sein: Einem Bericht des Wall Street Journal (WSJ) zufolge stellt das Unternehmen dort Programmierer, Produktmanager und Anzeigenverkäufer ein, um sein Mobilbetriebssystem Android und das Google-Anzeigengeschäft voranzubringen.

Einer Untersuchung der US-Marktforschungsfirma Strategy Analytics zufolge ist China inzwischen der größte Smartphone-Markt weltweit, im dritten Quartal 2011 gingen 24 Millionen internetfähiger Handys über den Ladentisch. Chinesische Hersteller fluten den Markt mit preiswerten Android-Smartphones, ReadWriteWeb zufolge liegt der Marktanteil des Google-Betriebssystems bei 60 Prozent.

Allerdings haben chinesische Kunden bislang keinen Zugang zu Googles Android Market. Sie versorgen sich bei Alternativ-Anbietern, weshalb Google am Umsatz mit bezahlten Apps nicht mitverdient. Auch im Suchgeschäft ist der Marktanteil von 36 Prozent im Jahr 2009 auf aktuell 17,2 Prozent gesunken, der chinesische Anteil an Googles weltweitem Umsatz liegt bei zwei Prozent. 2010 hatte Google China beschuldigt, Hacker-Angriffe auf den E-Mail-Dienst des Unternehmens durchgeführt haben.

Zensurwünsche für den Android-Markt?

Als Konsequenz verlegte das Unternehmen einige Monate später seine Server nach Hongkong, wer china.cn vom Festland aufruft, wird auf die Seite google.com.hk hingewiesen. Im Juli 2010 hatte China die Google-Lizenz nach langen Verhandlungen verlängert, das Unternehmen beschäftigt dort immer noch 300 Mitarbeiter.

An der Verlagerung der Suche wird sich nichts ändern - allerdings könnte Google bei seinem Android Market mit neuen Zensurforderungen konfrontiert werden. Apple kommt solchen Wünschen bei iTunes bereits nach: Apps, in denen der Name "Dalai Lama" oder der Name der uigurischen Aktivistin Rebiya Kadeer vorkommen, werden chinesischen Nutzern nicht angezeigt.

China-Skepsis scheint zu weichen

Nach Ansicht von Computerworld-Kolumnist Preston Gralla würde eine Hinwendung zu China vor allem für Google-Mitgründer Sergey Brin einen großen Gesichtsverlust bedeuten: Brin, der bis zum Alter von sechs Jahren in der früheren Sowjetunion lebte, hatte sich Berichten zufolge entschieden für den Rückzug aus China eingesetzt und sich dabei auch gegen den damaligen Google-Chef Eric Schmidt gestellt, der das Land als unverzichtbaren Markt identifizierte.

Google-Mitgründer Larry Page, der inzwischen die Unternehmensgeschäft führt, scheint wieder auf die Schmidt-Linie einzuschwenken. Page selbst galt einst als China-Skeptiker: So erklärte er vor einigen Jahren, die Unternehmenskultur habe "Schaden genommen", als man sich nach langen Debatten für den Einstieg in den chinesischen Markt entschieden habe.