Internet und Demokratie Sehnsucht nach der digitalen Revolution

Das Netz wird als Mittel politischer Einflussnahme immer wichtiger. Seine Rolle bei den Protestbewegungen in Tunesien und Ägypten wird allerdings überschätzt.

Von Andrian Kreye

Geschichte lässt sich schwer planen oder voraussehen. Noch schwerer ist es, die Auswirkungen kleiner Schritte auf das große Ganze zu prognostizieren. So wundert es nicht, dass der deutsche Netzwerkingenieur Daniel Domscheit-Berg inmitten der vielen Internet-Euphoriker, die sich vergangene Woche bei der DLD-Konferenz in München trafen, so außergewöhnlich ernst und zurückhaltend wirkte.

In den vergangenen drei Jahren war Domscheit-Berg neben Julian Assange und dem Isländer Kristinn Hrafnsson einer der drei Männer, die der Enthüllungsplattform Wikileaks in der Öffentlichkeit ein Gesicht gaben.

Nun bleibt abzuwarten, ob die Enthüllungen von Wikileaks wirklich weltgeschichtliche Auswirkungen haben. In der Kulturgeschichte des Internets aber markiert Wikileaks schon jetzt eine Zäsur. Bisher hat das Internet vor allem Technologie und Kommunikation verändert. In der aktuellen Phase verändert es auch Gesellschaft und Politik.

Man könnte das nun auf die chic-technische Begrifflichkeit reduzieren, die Wirkungsmacht des Web 2.0 der digitalen Revolution setze sich nun in einem Web 3.0 der realen Revolutionen fort. In Wahrheit aber klaffen die Sehnsucht nach historischer Bedeutung und die Realität noch weit auseinander.

Denn die eigentliche revolutionäre Kraft des Internets in Gesellschaft und Politik entlädt sich weniger in den Straßen von Teheran, Tunis und Kairo als im Alltag der Demokratie. Darüber macht sich Daniel Domscheit-Berg viele Gedanken. Und gerade deshalb ist er im September ja auch bei Wikileaks ausgestiegen.

Schöpfungsdrang einer ganzen Generation

Zu schnell sei bei Wikileaks gearbeitet worden, sagt er, zu viel habe man freigeschaltet, viel zu sehr habe man dabei auf den Sensationseffekt geschielt. Es sei nun an der Zeit, darüber nachzudenken, was die Transparenz bedeutet, die das Internet der Gesellschaft aufzwingt, und ein neues Verantwortungsgefühl dafür zu entwickeln, wie man mit den neuen Werkzeugen umgeht, die diese Transparenz ermöglichen. Der revolutionäre Gestus seines einstigen Weggefährten Assange liegt Domscheit-Berg nicht. Weshalb er bald seine eigene Plattform Openleaks freischalten wird.

Nun ist die Sehnsucht nach einer digitalen Revolution nachvollziehbar. In der Technologie und der Kommunikation hat das Internet ja durchaus ganz reale Revolutionen ausgelöst. Es hat den Einzelhandel, die Medienlandschaft und die Kulturwirtschaft durcheinandergebracht, die Urheberrechte unterspült und die Definition des Individuums aufgeweicht. Diese Veränderungen aber folgten aus neuen Kommunikationsstrukturen und Wirtschaftsabläufen.

Sicher findet man im Netz derzeit auch einige der wichtigsten Sub- und Popkulturphänomene. Der Schöpfungsdrang einer ganzen Generation entlädt sich momentan im Netz. Noch aber kopiert das Netz weiterhin die analoge Welt. Die unzähligen neuen Wege der Verbreitung und Vernetzung, die jederzeit verfügbaren und oft kostenfreien Produktionsmittel für Bilder, Musik und Filme haben vor allem neue Massen und nur wenig neue Formen hervorgebracht.

Deswegen findet man im Gestus des Internets immer noch die gleichen Mechanismen und Attribute der Subkultur, wie sie die Hipster der Fünfziger Jahre entwickelten, insbesondere eine Hierarchie der Eingeweihten mit ihren vielfältigen Stufen der Abstraktion und des Herrschaftswissens.

Hoffnung der Popkultur

Diese Hierarchie muss man nicht gleich so pessimistisch sehen wie der New Yorker Literaturwissenschaftler Mark Greif, der schrieb: "Hipster existieren in einem Moment nach dem Ausverkauf, statt der Avantgarde stellen sie die Erstkäufer." Und doch hat die Übertragung der Attribute des Hippen in eine technokratische Kultur wie dem Internet ihre Tücken.

So ist auch die Sehnsucht nach einer Twitterrevolution in Iran, Tunesien oder Ägypten letztlich nichts anderes, als die Hoffnung der traditionellen Popkultur, noch einmal die historische Relevanz zu bekommen, die Pop als Mittel der Emanzipation der Jugend und der Minderheiten in der Spätphase der Bürgerrechts-Ära hatte.