Internet-Überwachung NSA soll deutsche Tor-Nutzer ausspioniert haben

Verschlüsseln macht verdächtig. Laut Medienberichten spioniert der US-Geheimdienst NSA gezielt auch deutsche Nutzer des Anonymisierungsdienstes Tor aus - nur, weil sie versuchen, sich im Netz unerkannt zu bewegen.

  • Der US-Geheimdienst NSA überwacht offenbar gezielt Internetnutzer, die Verschlüsselungstechnologien einsetzen
  • Die Spionage richtet sich hauptsächlich gegen das Anonymisierungsnetzwerk Tor
  • Auch in Deutschland betriebene Tor-Server und ihre Nutzer - möglicherweise Hunderttausende - sind betroffen

Gezielte Überwachung von Tor-Servern

Wer seine Kommunikation im Internet verschlüsselt, ist automatisch verdächtig. So sieht es offenbar zumindest der US-Geheimdienst NSA, der gezielt solche Nutzer ausspäht, die Verschlüsselungstechnologie einsetzen oder sich darüber informieren. Dies haben jetzt Recherchen des WDR und NDR ergeben, deutsche Internetnutzer sind besonders von dem Vorgehen des Geheimdiensts betroffen. Der Internet-Aktivist Jacob Appelbaum ist ebenfalls an den Enthüllungen beteiligt. Den Fernsehsendern liegen offenbar Teile des Quellcodes der Überwachungssoftware "XKeyscore" vor, aus denen hervorgeht, wie die NSA ihre Überwachungsziele auswählt. Diese Programmcode-Schnippsel führten beispielsweise zu einem Erlanger Studenten, der privat einen Server für das Anonymisierungsnetzwerk Tor betreibt und öffentlich zur Verfügung stellt.

Die IP-Adresse dieses Servers sei in einem Programmteil von XKeyscore als zu überwachendes Objekt explizit definiert, hieß es. Der Server des Erlanger Studenten ist einer von weltweit neun, auf denen ein Verzeichnis mit den etwa 5000 weltweit existierenden Tor-Servern liegt. Die Kommunikation aller Nutzer, die dieses Verzeichnis abfragen - täglich sollen das Hunderttausende sein -, werde mit einer Markierung versehen, so dass sie sich weiter durch das Anonymisierungsnetzwerk verfolgen lasse, Verbindungsdaten und Inhalte werden außerdem gespeichert.

Auf diese Weise filtert laut dem Bericht die NSA alle Tor-Nutzer heraus und führt sie fortan in einer speziellen Datenbank. Darin sollen laut dem Bericht auch all jene landen, die nur die offizielle Webseite des Anonymisierungsdienstes aufsuchen, ohne die Technologie überhaupt anzuwenden. Im dem WDR und NDR vorliegenden Programmausschnitt soll einer der Programmierer diese überwachten Personen in einem Kommentar pauschal als "Extremisten" bezeichnet haben. Neben der IP-Adresse des Tor-Servers des Erlanger Studenten findet sich in den Code-Ausschnitten noch eine weitere deutsche Adresse. Sie gehört dem Chaos Computer Club.

Was ist der Anonymisierungsdienst Tor?

Das Servernetzwerk Tor dient dazu, dass sich Nutzer im Netz anonym bewegen können. Tor schickt einen Nutzer dazu nicht von A nach B, also vom jeweiligen Computer direkt auf - zum Beispiel - Süddeutsche.de, sondern von Computer auf x-verschiedenen Wegen und eine Vielzahl von Servern ans Ziel. Diese Zwischenstationen werden oft von Privatpersonen betrieben.

Wenn der Nutzer schließlich auf Süddeutsche.de landet, kann dort nicht mehr festgestellt werden, woher er kommt. Die IP-Adresse, die übermittelt wird, ist höchstens noch der letzten Station im Tor-Netzwerk zuzuordnen. Vor Monaten hatte der Guardian darüber berichtet, dass die NSA allerdings gezielt versuche, diese Verschlüsselungstechnik zu knacken. Allerdings sei es so gut wie unmöglich, die komplexen Kommunikationsschritte massenhaft nachzuverfolgen, sondern es könnten höchstens einzelne Ziele konzentriert ermittelt werden.

Der Anonymisierungsdienst ist wegen dieser Qualitäten deshalb auch bei Dissidenten oder Journalisten nicht nur in Europa und den USA, sondern auch in Ländern wie China, Syrien oder Iran sehr beliebt.