Internet-Thesen des FAZ-Herausgebers Der kurze Abschied vom langen Weg durch die Instanzen

sueddeutsche.de: Eine Verweigerung, am Geschehen in den Netzen teilzunehmen, wäre Ihrer Meinung nach also töricht?

Kruse: Ja, so töricht, wie jede Verweigerung der Teilnahme an sozialer Gemeinschaft. Das Internet ist ein Gehirn aus vielen Gehirnen - sehr dynamisch und komplex, unkontrollierbar und überraschend sicherlich, aber auch mit einer immanenten Tendenz zur stabilen Musterbildung. Wo Menschen interagieren, entsteht immer Ordnung.

sueddeutsche.de: Und was ist mit der Marktmacht einzelner Internet-Unternehmen wie Google?

Kruse: Ich würde mit diesem entspannten Gefühl sogar so weit gehen, dass es mir fast egal ist, wer die entstehende kollektive Intelligenz rein physikalisch am Leben erhält. So wenig wie ein Gedanke auf die neuronale Struktur des Gehirns zurückführbar ist, so wenig garantiert das Zurverfügungstellen von Speicherplatz und Serverarchitektur die Hoheit über die Inhalte im Netz. Solange das schon vom Vater des Internets, Tim Berners-Lee, erträumte automatische Sprachverstehen noch nicht realisiert ist, hat Orwells "großer Bruder" immer noch das Problem, die ungeheuren Ströme von Information nicht wirklich systematisch durchforsten zu können. Am Ende ist der "große Bruder" dann auch nur ein Netzwerkteilnehmer unter vielen und durchaus keine ultimative Machtinstanz. Die überbordende Fülle und die Unkontrollierbarkeit der Netze sind ein wünschenswerter Schutz vor Manipulation und keineswegs eine "Körperverletzung", wie Schirrmacher formuliert.

sueddeutsche.de: Was ist es, was das Netz antreibt - Zufall, menschlicher Wille, der Code?

Kruse: Das Netz ist ein eigenständiger menschlicher Kulturraum und als solcher folgt er den Prinzipien, die für jede Kultur gelten. Natürlich sind die Netze durch die Menschen bestimmt und kein autonomer, Nerven oder Kinder fressender Moloch. Aber wie jedes kollektive Phänomen sind die Netze in den erzeugten Effekten größer als die Summe der beteiligten Einzelintelligenzen. Im Gegensatz zu den Interaktionen in den für uns selbstverständlichen Kulturräumen besitzen die Interaktionen im Internet aber tatsächlich eine viel größere Reichweite und Ausbreitungsgeschwindigkeit. Mit der sozialen Software des Web 2.0 wurde aus einem Informationsmedium ein soziales System, in dem das Entstehen und Vergehen kultureller Ordnungsmuster mit einer erstaunlichen Unmittelbarkeit beobachtet werden kann. In den Netzen laufen alle Prozesse wie im Zeitraffer ab.

sueddeutsche.de: Verändert unsere digitale Umwelt dadurch die kollektive Willensbildung?

Kruse: Nicht die digitale Umwelt, sondern die darin bestehende Möglichkeit der Vernetzung ist der bedeutsame Treiber kollektiver Willensbildung. Erinnern Sie sich noch an den Protest gegen die Volkszählung 1987? Damals haben die Menschen ihre Meinung dadurch verbreitet, dass sie Kommentare auf Geldscheine geschrieben haben. Durch die Zirkulation des Geldes erreicht man relativ schnell relativ viele Menschen. Selbst Geldscheine können also ein Medium der Vernetzung sein. Über die Einwanderungswelle der Menschen ins Netz, die mit Applikationen wie Facebook oder Twitter einen erstaunlichen Schub bekommen hat, ist das Internet allerdings diesbezüglich ein ganz anderes Kaliber geworden. Schauen Sie sich die momentan in ganz Europa laufenden Studentenproteste an: Da entschließen sich zirka vierhundert Wiener Studenten spontan den Audimax der Universität zu besetzen und ihre Aktionen konsequent unter #unibrennt, #unsereuni und #bildungsstreik zu virtualisieren. Bereits vier Wochen später sind 98 Universitäten beteiligt, sie erreichen über Twitter, Facebook und Videostream täglich ein Millionenpublikum und die Inhalte ihres Protestes sind in aller Munde, inzwischen hat die Politik die Forderungen auf ihre Agenda gesetzt. Das ist der kurze Abschied vom langen Weg durch die Instanzen: Agenda-Setting ohne Lobbyarbeit, ohne Parteistrukturen und weitgehend ohne die Macht der etablierten Medien. Da kann man schon mal ein wenig überfordert sein, nicht wahr Herr Schirrmacher?