Internet-Plattform Vine Sechs-Sekunden-Superstars

Vine-Profile: In Deutschland ist die Plattform kaum bekannt, in den USA hat sie bereits 40 Millionen Nutzer.

(Foto: Quelle: vine)

Die Internet-Video-Plattform Vine entwickelt sich zu einem Talente-Pool - und einer starken Konkurrenz für Youtube. Auch die Werbebranche hat die Hobbyfilmer längst für sich entdeckt.

Von Hakan Tanriverdi

Brittany Furlan verdient mehrere Tausend Euro - in Sekundenschnelle. Es reicht, wenn sie ein Kurzvideo filmt und es auf die Onlineplattform Vine hochlädt. Es sind kurze Storys mit einer Pointe. Und manchmal ist es Werbung - selbst gedreht und äußerst lukrativ. Das Modell funktioniert so gut, dass es für die 100 erfolgreichsten Nutzer von Vine inzwischen ein eigenes Wort gibt: "vine-famous". Sie sind berühmt auf der Plattform, verdienen bis zu sechsstellige Summen pro Jahr. Doch außerhalb der Plattform kennt sie fast niemand.

Vine ist ein soziales Netzwerk, auf den Markt gekommen ist es Anfang 2013 in Form einer App. In Deutschland ist es bislang kaum bekannt, in den USA hat es 40 Millionen Nutzer. Die Videos dürfen maximal sechs Sekunden lang sein. Jeder Nutzer legt ein Profil an, das man abonnieren kann, um auch die neuesten Videos zu sehen. Wem das Video gefällt, der kann es liken oder teilen, ganz wie auf Facebook.

Zu Beginn wusste niemand so recht, für wen so ein Netzwerk überhaupt gedacht sein sollte. Was könnte in sechs Sekunden jemals Aufregendes passieren? Eineinhalb Jahre später sagt Furlan im Gespräch, dass Vine ihr gesamtes Leben umgekrempelt habe: "Manchmal muss ich mich kneifen, um zu glauben, dass das alles real ist." Für die breite Masse bleibt sie unbekannt, innerhalb von Vine ist sie ein Superstar. Von den 40 Millionen Nutzern des Portals folgt ihr jeder Siebte.

"Dank Vine kann ich nun komfortabel leben"

Jedes soziale Netzwerk hat typischerweise einen spezifischen Schwerpunkt, der für die Nutzer besonders im Vordergrund steht. Facebook ist die Pinnwand für Freunde und Familie, Twitter ist für Nachrichten, auf Instagram geht es um schöne Fotos. Vine hingegen ist ein riesiger Talente-Pool. Dort versammeln sich Sänger, Nachwuchsregisseure und vor allem auch Comedians. Berühmte Vine-Nutzer werden in die größten Talkshows des Landes eingeladen, treten in Serien auf, und ihre Songs schaffen es in die iTunes-Charts. Die Standard-Superstars wie Pharrell Williams oder 50 Cent tauchen in den Vine-Videos auf. Justin Bieber hat sich ein eigenes Konto angelegt, aktuell hat es 1,6 Millionen Abonnenten. Das ist zwar viel, aber reicht noch lange nicht für die Top Ten. Also kooperiert er mit den bekanntesten Nutzern in der Hoffnung, auch auf Vine berühmt zu werden.

Furlan ist 27 Jahre alt und lebt seit zehn Jahren in Los Angeles, um eine Karriere als Comedian zu starten. Wirklich geklappt hat das nicht, sagt sie, auch wenn es hin und wieder Auftritte gegeben hat. "Ich musste viel über Ebay verkaufen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Dank Vine kann ich nun sehr komfortabel leben und mir eine Wohnung leisten, die über eine Heizung verfügt." Wie viel Geld sie für die Werbespots bekommt, sagt Furlan nicht. Ihre Einnahmen pro Sechs-Sekunden-Video liegen aber hoch. "Es gibt Menschen auf Vine, die für einen einzelnen Beitrag fünfstellige Summen im mittleren Bereich bekommen", sagt Rob Fishman. Fishman hat die Firma Niche gegründet. Diese vermittelt zwischen großen Firmen und den Stars auf sozialen Netzwerken. Er kennt also die Preise.

Kurzvideos drehen könnte ja ganz lustig sein

Furlan, schmales Gesicht, schwarze Haare, leicht irrer Blick, kam aus Langeweile zu Vine. Sie habe gedacht, Kurzvideos zu drehen, könne ja ganz lustig sein. Furlan redet gerne in Pointen, und auf die Frage, ob sie jetzt auf der Straße erkannt werde, antwortet sie: "Ja, sehr oft. Es ist surreal. Ich sage dann immer: Warte mal, du hast also wirklich erkannt, dass ich nicht Penelope Cruz bin, oder?"

Furlan hat mehrere Mini-Serien entwickelt, die sie in Sechs-Sekunden-Episoden erzählt. In einer davon stellt sie sich bewusst vor einen Menschen, posiert für ein Selfie - nur um sich dann zu beschweren, dass die Person gefälligst aus ihrem Bild verschwinden solle. Der Großteil ihrer Videos sind aber keine Serien, sondern Comedy-Sketche. Inmitten solcher Beiträge kommen dann die Werbevideos, von denen die Vine-Berühmtheiten leben.

Die Gesellschaft verändere sich durch soziale Netzwerke wie Vine und Instagram, sagt Rob Fishman, der Mann von der Analyse-Firma Niche. "In den vergangenen 100 Jahren haben sich Menschen für große Medienhäuser und deren Inhalte interessiert. Heutzutage folgen Menschen lieber gleich anderen Menschen." Das Finale der populären US-Serie "Walking Dead" haben 15 Millionen Menschen angeschaut, sagt Fishman. Das seien Zahlen, die von einzelnen Nutzern auf Vine täglich erreicht werden. "Für die Menschen ist Vine viel näher und unmittelbarer. Gerade junge Leute verlangen nach mehr Authentizität", so Fishman. "Brittany Furlan zum Beispiel wirkt in ihren Videos wie eine Person, die man wirklich kennen könnte."