Internet-Piraterie bei Filmen Schneller im Kino, geringere Verluste

Eine neue Studie zeigt, dass Kinos außerhalb Amerika stärker unter der Online-Piraterie leiden als US-Lichtspielhäuser. Der Grund: Europäische Kinofans haben in keine Lust mehr, wochenlang auf den Start eines neuen Hollywood-Films zu warten - und wissen sich im Netz zu helfen.

Von Niklas Hofmann

Als eine amerikanische Reporterin dem britischen Schauspieler Hugh Bonneville, der in der erfolgreichen ITV-Adels-Soap Downton Abbey den Earl of Grantham spielt, kürzlich im Interview verriet, sie habe die zu dem Zeitpunkt bereits in Großbritannien, aber in den USA noch nicht ausgestrahlte zweite Staffel seiner Serie schon im Internet gesehen, da wurde Bonneville sehr streng mit ihr: "Ich wünschte, Sie hätten mir nicht gesagt, dass Sie sie illegal gesehen haben, das kotzt mich wirklich an. Sie sollten sich schämen. Schämen Sie sich."

Möglich, dass der Schauspieler seine Schelte gar nicht mal ganz ernst gemeint hat. Sicher ist aber, dass die Interviewerin stellvertretend für einen Großteil der amerikanischen Downton-Abbey-Fans sprach, die sich einfach nicht damit abfinden konnten, dass sie, durch die erste Staffel süchtig geworden, Monate auf eine Fortsetzung warten sollten, von der sie ganz genau wussten, dass sie im britischen Fernsehen bereits gelaufen war. Deren Kritiken sie auf den Internetseiten englischer Zeitungen bereits hatten lesen können. Und über deren Qualitäten - "schwächer als Staffel eins, aber das Weihnachtsspecial reißt alles raus" - sie durch ihre Facebook-Freunde aus London und Glasgow längst bestens unterrichtet waren.

Es gibt eben inzwischen ein weltweites Millionenpublikum, das das Mediengeschehen in Ländern auf der anderen Seite des Globus in Echtzeit mitverfolgt, und für das auch Sprachbarrieren längst keine Rolle mehr spielen. Und es gibt andererseits für dieses Publikum, das ja gar nicht von einer Umsonst-Mentalität, sondern von einem großen Hunger nach guten Inhalten angetrieben wird, kaum Angebote, die es ihm erlauben würden, diesen Hunger legal, rasch und zu einem vertretbaren Preis zu befriedigen.

Hunger nach guten Inhalten

Was fürs Fernsehen gilt, gilt in ähnlicher Form auch fürs Kino. Die beiden Ökonomen Brett Danaher vom Wellesley College und Joel Waldfogel von der University of Minnesota haben in einer gemeinsamen Studie untersucht, wie genau sich Online-Piraterie auf die tatsächliche Entwicklung von Kinokartenverkäufen auswirkt.

Sie kommen zu dem Schluss, dass sich ein außergewöhnlicher Einbruch der Kartenverkäufe auf dem heimischen US-Markt seit dem Aufkommen von BitTorrent nicht nachweisen lässt. Die meisten Filmfans kaufen also nach wie vor lieber eine Kinokarte, als sich eine illegale Kopie desselben Films anzusehen. Ganz anders sieht das aber auf dem internationalen Markt aus. Dort ist der Schaden durch die Piraterie laut Danaher und Waldfogel tatsächlich signifikant (nach ihrer Schätzung sind die Einnahmen im Schnitt um mindestens 7 Prozent geringer als sie es ohne Piraterie wären).

Dies nun allerdings eher nicht, weil das Überseepublikum so viel unmoralischer wäre. Je länger aber die Zeitspanne zwischen der US-Premiere und dem Kinostart in einem anderen Land ist, desto weniger wird dort in den Filmtheatern eingenommen, dieser Effekt ist nachweisbar. Und nachweisbar ist auch, dass er sich seit BitTorrent noch einmal erheblich verstärkt hat.

2003 bis 2004 machten acht Wochen Verzögerungen beim Kinostart noch einen Rückgang der Einnahmen um 22 Prozent aus, 2005 bis 2006 waren es dagegen schon 40 Prozent.

Das Zeitfenster für internationale Starts schrumpft

Danaher und Waldfogel nehmen die Schäden durch Piraterie durchaus ernst, und sie drücken sich vorsichtiger aus als Cory Doctorow, der bei BoingBoing groß auf ihre Studie hingewiesen hat, aber dennoch kommen sie recht deutlich zu dem Schluss, dass "internationale Kunden, die beide Optionen in Betracht ziehen würden, sich wegen der fehlenden legalen Verfügbarkeit für die Piraterie entscheiden."

Mit anderen Worten: Die Verluste durch unerlaubte Kopien könnten um ein Vielfaches geringer sein, wenn die Menschen die Filme einfach schneller im Kino sehen könnten.

Das, so merken die beiden Wirtschaftswissenschaftler noch an, hat die Industrie offenbar inzwischen auch selbst erkannt. Denn das durchschnittliche Zeitfenster für internationale Starts ist in wenigen Jahren von zehneinhalb Wochen (2004) auf vier Wochen (2010) drastisch geschrumpft.

Beim Fernsehen dagegen ist man noch weit davon entfernt, sich an die neue Gleichzeitigkeit des globalen Medienkonsums anzupassen. Auf die Chance ihre heiß ersehnte zweite Staffel legal zu sehen, mussten die amerikanischen Downton-Abbey-Fans jedenfalls ganze vier Monate länger warten als die Briten.