SZ: Wie wurde das Internet zu dieser Massenmaschine?

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Lanier sieht Ähnlichkeiten zwischen Google und Hedge Funds (© Foto: dpa)

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Lanier: Am Anfang stand die Utopie, dass Menschen und Maschinen dasselbe sind. Diese Vorstellung geht unter anderem zurück auf den schwulen Computervordenker Alan Turing, der Selbstmord beging, nachdem die britische Regierung ihn zwang, weibliche Hormone zu nehmen. Turings Geschichte übt eine große Faszination auf bestimmte Leute aus, Leute, die sich mit Maschinen und Computern wohler fühlen als unter Menschen. Für diese Leute versprach die Vorstellung, Menschen und Computer seien dasselbe, einen Ausweg aus all dem Schmerz und der Unsicherheit ihrer Sexualität. Vielleicht ließe sich sogar die Sterblichkeit überwinden.

Ein anderer Prophet der Technik-Community ist Ray Kurzweil, der sagt, dass Computer eigenes Bewusstsein erlangen und über die Welt herrschen werden. Der Moment, da die Computer die Macht übernehmen, heißt "Singularity". Der Glaube, dass dieser Moment kommen wird, hat alle Züge einer Religion. Sehr viele in der Technik-Community, vor allem Software-Ingenieure, glauben fest daran und schreiben ihre Programme entsprechend.

SZ: Nach außen werden die Partizipationsmöglichkeiten im Internet gerne als Fortentwicklung der Demokratie verkauft: Jeder ist gleich, jeder wird gehört.

Lanier: Das ist natürlich eines der großen Themen der Politikwissenschaften: Maximale Partizipation führt nicht automatisch zu einer funktionierenden Demokratie, sondern zu etwas, das eher einer Diktatur gleicht. Ein System mit Regeln und Strukturen funktioniert besser, auch wenn die Macht nicht gleichmäßig verteilt ist.

SZ: Wer profitiert von dem Internet, wie wir es heute kennen? Wer sind die "Herren der Wolke"?

Lanier: Es gibt zwei: Der eine ist Google. Google will, dass alle unbezahlt arbeiten, damit es selbst seine Anzeigen verkaufen kann. Die anderen sind Hedge Funds und andere Finanzunternehmen. Beide sind sich sehr ähnlich. Sie abstrahieren die Welt und ziehen Geld aus ihr, ohne selbst etwas beizutragen. Die jüngste Rezession wurde im Wesentlichen durch falsche Anwendung von crowd computing ausgelöst.

SZ: Handelt es sich beim "Digitalen Maoismus" nicht einfach um eine Weiterentwicklung des Kapitalismus?

Lanier: Die extremen Formen von Kapitalismus, die man online findet, ähneln den Strukturen des Maoismus. Google ist das Äquivalent zur Kommunistischen Partei. Im Gegensatz zu Marx und den meisten Marxisten verachtete Mao die Intellektuellen und glorifizierte die Bauern. Abraham Maslows "Bedürfnispyramide" ist hier ganz hilfreich: Bevor wir uns höheren Bedürfnissen widmen, müssen die Menschen erst einmal ihren Hunger stillen. Unter Mao wurden alle, die die Pyramide ein Stück hochgeklettert waren, wieder hinabgestoßen und auf die Felder geschickt. Die heutige Online-Kultur tut im Prinzip genau dasselbe. Musiker sollen ihre Musik verschenken, sie können ja mit Konzerten und T-Shirts Geld verdienen. Journalisten sollen umsonst schreiben, dann werden sie vielleicht in eine Talkshow eingeladen oder können ihre Bücher verkaufen. Statt der avanciertesten geistigen Arbeit wird eine primitivere, physischere Leistung belohnt. Das kehrt die kulturelle Entwicklung der Menschheit um.

SZ: Von dem Konflikt mit China einmal abgesehen, hat man den Eindruck, dass die Macht von Google immer klarer erkannt wird.

Lanier: Das Interessante ist, dass die chinesische Regierung und Google ganz ähnliche Ziele haben: Beide wollen Kontrolle über die Kommunikation, beide haben keine Lösungen für die Zukunft. Google muss sich reformieren. Es ist wie ein Organismus ist, der sich von seinem eigenen Körper ernährt. Es geht eine Weile lang gut, aber dann ist das Verhungern unausweichlich. Statt nur Anzeigen zu verkaufen, muss es anfangen, Geld zu verlangen für die Inhalte, die es anbietet, und dieses Geld an die Autoren auszuzahlen. Sonst ist die Zivilisation, die es im Internet verfügbar machen will, irgendwann tot.

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  1. "Google will, dass alle unbezahlt arbeiten"
  2. "In vielen Wikipedia-Beiträgen finden sie eine Mob-Ideologie"
  3. Sie lesen jetzt "Die chinesische Regierung und Google haben ähnliche Ziele"
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(SZ vom 23.01.2010/joku)