Internet in Berlin Käpt'n Wowereit verspricht freies Wlan

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit will seinen Bürgern künftig kostenlosen Wlan-Zugang im öffentlichen Raum bieten. Doch der Versuch, die Piraten mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, misslingt: Die Idee kann die Misere der Berliner Infrastruktur nicht kaschieren.

Von Jens Bisky

Eine kleine Stadt lernt am besten kennen, wer sich auf den Marktplatz stellt, auf den Plätzen großer Städte dagegen kann man sich über deren Charakter leicht täuschen. "Alle größeren Städte der weißen Welt", schrieb 1912 der Unternehmer Walther Rathenau in seinem Buch "Zur Kritik der Zeit" seien "in ihrer Struktur und Mechanik" identisch.

"Im Mittelpunkt eines Spinnwebes von Schienen gelagert, schießen sie ihre versteinernden Straßenfäden über das Land. Sichtbare und unsichtbare Netze rollenden Verkehres durchziehen und unterwühlen die Schluchten und pumpen zweimal täglich Menschenkörper von den Gliedern zum Herzen. Ein zweites, drittes, viertes Netz verteilt Feuchtigkeit, Wärme und Kraft, ein elektrisches Nervensystem trägt die Schwingungen des Geistes. Nahrungs- und Reizstoffe gleiten auf Schienen und Wasserflächen herbei, verbrauchte Materie entströmt durch Kanäle."

Rathenaus Pathos ist kaum zu übertreffen. Verwundert, ein wenig ungläubig, nimmt man zur Kenntnis, dass er, Aufsichtsratsvorsitzender der AEG, beim Verfassen dieser Hymne an die moderne urbane Infrastruktur damals Berlin vor Augen hatte.

Ob es derzeit um Schiene, Straße, Wasser oder Strom ging, die Verkehrs- und Versorgungsnetze der Hauptstadt sind in den vergangenen Jahren vor allem durch Streit und Störfälle aufgefallen, nicht durch reibungsloses Funktionieren. Daher wirkte alles Anpreisen der Metropole an der Spree so leicht lächerlich, schien ihr Alltag statt vom erhabenen Eindruck rasenden Verkehrs und rastloser Tüchtigkeit von Stottern, Ausfällen, Verzögerungen des Rhythmus bestimmt.

Auch Wowereit beherrscht Fortschrittspathos

In seiner Regierungserklärung hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit am Donnerstag im Berliner Abgeordnetenhaus erstaunlich lang und leidenschaftlich über die Infrastruktur gesprochen. Ein solches Fortschrittspathos war schon lange nicht mehr zu hören: Autobahn, Flughafen und Stromnetze wurden als Agenten kommenden Wohlstands gepriesen - und als Sahnehäubchen versprach Klaus Wowereit, sich für kostenfreies Wlan in der Stadt einzusetzen.

Das Projekt verbindet aufs schönste drei Lieblingsmotive des Regierenden Bürgermeisters: es nützt der Wirtschaft, es verspricht Nähe zu den Kreativen, und es verheißt die Überwindung von Spaltung. Alle sollen Zugang zu einem schnellen Internet besitzen.

Die Pläne dazu sind nicht mehr taufrisch, bereits 2009 hatte der damals rot-rote Senat sich damit befasst. Es wurde nichts daraus, auch weil die Stadtentwicklungssenatorin die kleinen Kästen an Laternen- und Ampelmasten ablehnte: sie würden nicht nur die Lichtsignalanlagen stören, sondern auch das Stadtbild.

Im Wahlkampf hatten alle Parteien das Thema aufgegriffen, die Piraten, versteht sich, mit besonderer Verve. Überall in der Stadt, so forderten sie, seien geeignete Dachflächen zwecks "Vernetzung bestehender Freifunkflächen" zur Verfügung zu stellen, in allen öffentlichen Einrichtungen mittels Hotspots ein freier Internetzugang per WLAN angeboten werden.

Sicherheitsbedenken gegenüber einem offenen Netz, in dem jeder anonym surfen kann, sind immer wieder geäußert worden, aber das spricht nicht gegen das Vorhaben. Es käme ja auch keiner auf die Idee, wegen der U-Bahn-Schläger auf öffentlichen Nahverkehr zu verzichten.

Warum nicht auch kostenloses S-Bahn-Netz anbieten?

Die Freude über den Plan, der gut zum Image Berlins als Hauptstadt der Bohemiens passt, wird freilich getrübt. In einer Großstadt kann kein Netz ein anderes ersetzen. Allen Träumen von der "zukunftsfähigsten Metropole" (Wowereit) widerspricht der S-Bahn-Alltag. Da die Bahn ihre Anlagen und Fahrzeuge nicht an die Stadt verkaufen will, bleibt es beim Drohen, Kontrollieren, Drängeln wie bisher und keiner weiß, wann der Normalzustand wieder erreicht wird.

Das Fortschrittspathos besaß hier die laue Dürftigkeit einer Absichtserklärung. Es blieb beim Plan des Nachholens. Warum nicht einmal verschiedene Strukturen, Schulen, Bibliotheken, S-Bahn, Wlan miteinander verbinden, warum nicht das Projekt des kostenfreien Netzangebots durch Überlegungen zum kostenfreien Nahverkehr ergänzen? Das könnte Erneuerung bedeuten statt bloßer Reparatur.

Herablassend gegenüber den Piraten

In einem Moment der Schlagfertigkeit lieferte Wowereit einen weiteren Grund zur Skepsis. Ein Zwischenruf aus den Reihen der Piraten konterte er herablassend, er habe immer gedacht, sie würden nur in ihre Laptops reinhacken, nun aber seien sie so munter wie die FDP früher.

Ruhig wurden die Piraten nicht, so dass der Regierungserklärer fragte: "Ist da ein Netzzusammenbruch oder warum sind Sie so munter?" Da hat man Berliner Geist in einem Satz: auffällige Lebendigkeit erklärt sich am leichtesten durch eine Störung, ein Nicht-Funktionieren. Dass es so ist, hat zum Charme der Stadt viel beigetragen. Aber dieser Charme verbraucht sich allmählich.

Es wäre Zeit für Munterkeit dank einer funktionierenden Infrastruktur. Dazu müsste die hehre Absicht digitaler Teilhabe nicht allein als technisches Problem aufgefasst werden und nicht nur als Sonderprojekt, das die Misere der alten Netze überdecken soll.