Internet-Gigant Zehn Probleme, die Google lähmen

Wohin entwickelt sich Google? Bislang führt das Unternehmen ordentliche Ergebnisse ein, doch die Strategie des Konzerns überzeugt nicht alle. Zehn Probleme, mit denen sich CEO Larry Page auseinandersetzen muss.

Von Johannes Kuhn

Google hat ein Problem. Zu diesem Schluss könnte zumindest kommen, wer sich derzeit in den Technologie-Blogs umsieht. Als Beispiele seien "The Case Against Google" (Gizmodo), "The Charge Of The Like Brigade" (Techcrunch, Zitat: "Could Google+ ever have been anything but a failure?"), "Googleheimer" oder die Abrechnung des ehemaligen Google-Entwicklers James Whittaker mit seinem Ex-Arbeitgeber.

Google hat also womöglich ein Problem, doch welcher Art ist es? Ist es vor allem ein Image-Problem, wie bei Netzwertig gemutmaßt wird? Hat Google mit seinem Plus-Netzwerk und den einhergehenden Änderungen der Nutzungsbedingungen den strategisch richtigen Weg verlassen, wie es bei Techcrunch heißt? Oder, und das wäre das größtmögliche Problem, hat das Unternehmen sogar vergessen, was es eigentlich kann und will, wie es aus dem Gizmodo-Text herauszulesen ist?

Berücksichtigen wir, dass berechtigte Kritik an Google nicht selten mit einer Art "Enttäuschung über das Wunderkind" angefüttert ist und das Unternehmen weiterhin ordentliche Zahlen liefert. Behalten wir aber auch im Hinterkopf, dass der Konzern tatsächlich gerade in einer Phase des Übergangs ist: Wenn Google wirklich einmal eine Empfehlungsmaschine für alle Situationen sein möchte, braucht es mehr Informationen über seine Nutzer.

Dafür wiederum müssen die wiederum länger in der Google-Welt bleiben, um genügend Daten zu hinterlassen - und das widerspricht dem einstigen Grundgedanken, die Google-Suche sei quasi ein Sprungbrett in die Weiten des Webs. Diesen Wandel, der sich in den vergangenen Jahren angedeutet hatte, verfolgt Google-CEO Larry Page derzeit mit besonderer Zielstrebigkeit. Google ist keine Suchmaschine mehr, sondern ein Portal. Und nicht nur diese Veränderung ist risikoreich - deshalb hier eine Auswahl der Probleme, die Google gerade hemmen.

[] Nutzer wissen nicht, was Google will

Die neuen Nutzungsbedingungen haben die Idee der Google-Identität nochmals in den Vordergrund gerückt: Bei Facebook hinterlassen User Daten bis zu einem gewissen Grad freiwillig, bei Google fühlen sie sich, als würden sie ihnen entwendet. Das liegt nicht nur daran, dass die Internetsuche oberflächlich betrachtet eine intimere Angelegenheit als das semi-öffentliche Bekenntnis zu Hobbys, Stars oder Freunden ist. Vielmehr bleibt trotz der angebotenen Kontrollmöglichkeiten unklar, was die Verantwortlichen mit den Daten bezwecken: Die Verbesserung der Such- und Werbeergebnisse rechtfertigt in den Augen der meisten User noch nicht, ihre digitale Datenbiographie in die Ermittlung der Resultate einzubeziehen.

[] Weiß Google, was es will?

Es gibt ein Google-Facebook (G+), ein Google-iOS (Android), ein Google-iTunes (Play), einen Google-Firefox (Chrome), ein Google-Office (Docs), ein TV-Konzept (Google TV) und vieles mehr. Mit Motorola Mobility kommt demnächst noch eine Hardware-Komponente dazu. Die Haupterlösquelle bleibt allerdings Such- und Displaywerbung, wo die Preise mittelfristig weiter sinken werden. Dazu hat Larry Page die Losung ausgegeben, aufgrund der Konkurrenz durch Facebook das Augenmerk auf die Social-Network-Komponente zu legen. Ein Schwerpunkt ist bei alldem noch nicht zu erkennen. Mit dem Kauf von Motorola Mobility begibt man sich nun auf ein Gebiet, auf dem Experimente schnell kostspielig werden können. Und: Alle Vorzeigeprodukte sind verbesserungswürdig.

[] Googles Suche verliert an Renommee

Die Google-Suche ist wahrscheinlich weiterhin das beste Produkt seiner Art auf dem Markt. Doch die Ergebnisse wurden trotz eines Updates im vergangenen Jahr schlechter, weshalb jüngst eine neue Anti-SEO-Aktualisierung angekündigt wurde. Hier wird man aufgrund der Marktmacht zwar nicht so schnell Kunden verlieren, doch unter schlechteren Suchergebnissen leidet der Ruf der ganzen Marke.

[] Google kann kein Facebook sein

Google Plus war ein Versuch, den der Konzern wagen musste. Nur: In der Praxis fehlen dem System Persönlichkeit und den meisten Nutzern Freunde, es wirkt unoriginell, kalt und leer. Die neuen Ansätze wie Einteilung in Kreise oder Videochat-Funktion hat Facebook inzwischen selbst umgesetzt. Google ist zu spät und muss über Jahre hinweg investieren, um das Portal so weiterzuentwickeln, dass es zumindest mehr als ein Nischendasein fristen kann.

[] Der Android-Fragmentierung

Android ist ein Erfolg, so betonen es die Verantwortlichen. Doch Google selbst verdient einer Berechnung zufolge mit dem System nur ein Viertel von dem, was man über Anzeigen bei Suche, Maps und ähnliche Anwendungen auf Apple-Mobilgeräte einnimmt. Update, 2. April, 15 Uhr: Diese Zahlen sind offenbar nicht korrekt, berichtet Businessinsider. Überschrift deshalb geändert. Zudem bereitet die Android-Fragmentierung den Verantwortlichen Kopfschmerzen: Verschiedene Bedienoberflächen und unterschiedliche Versionsstandards der Provider verwirren nicht nur die Nutzer; auch Google verliert damit mehr und mehr Kontrolle über das System.

[] Kein Augenmerk auf Bezahlstrategien

Lange hat es gedauert, bis aus dem rudimentären Android Market der Online-Shop Google Play wurde und Kunden damit erstmals in einem ansehnlichen Umfeld Musik und Apps kaufen können. Doch der Schaden ist angerichtet: Mit iTunes, Amazon, einigen kleinen Anbietern und den Streaming-Diensten gibt es inzwischen bereits genügend Möglichkeiten, an gute Musik zu kommen; bei den Apps hat sich längst die Überzeugung durchgesetzt, Android sei ein Betriebssystem für kostenlose Programme mit Google-Werbung. Ähnlich halbherzig wie einst Google Checkout wirkt inzwischen Google Wallet: Weder findet das Unternehmen Partner, die sich für die bargeldlose Bezahlung per Smartphone begeistern können, noch überfluten die Hardware-Hersteller den Markt mit den dafür benötigten NFC-Handys. Hinzu kommt, dass Probleme wie die im Februar bekanntgewordene Sicherheitslücke Kunden abschrecken.

[] Google gilt als rücksichtslos

Jüngst erzählte Peter Schaar, wie Google ihn an einem Freitag um 19:30 Uhr zu einer Stellungnahme zu den neuen Datenschutzrichtlinien bat, die am Dienstag darauf bereits in Kraft trat. Nur ein Beispiel für den rücksichtslosen Eindruck, den Google vor allem im Bezug auf Datenschutzbedenken macht. Vieles mag hierzulande der deutschen Google-Skepsis geschuldet sein, immerhin können viele Google-Dienste ohne Login genutzt werden, doch selbst in den USA wächst im Moment das Bewusstsein für dieses Thema. Inzwischen ist es auch dort nur noch ein kleiner Schritt vom Image der Innovationsmaschine hin zu dem eines rücksichtslosen IT-Giganten, der nur auf Umsatz aus ist - nicht die beste Voraussetzung für eine Firma, die auf das Vertrauen ihrer Nutzer angewiesen ist.

[] Google steht im Fokus der Behörden

Ob deutsche Datenschützer, Europäische Kommission oder amerikanische Handelskommission: Google steht in wichtigen Märkten unter Beobachtung. Dabei geht es nicht nur um den Datenschutz, sondern auch immer um die Frage, ob Google seine marktbeherrschende Stellung ausnutzt. Das wiederum hat zur Konsequenz, dass das Unternehmen in Strategie, Zukäufen und der Entwicklung von neuen Funktionen eingeschränkt wird. Dies führt zusammen mit der Tatsache, dass das Unternehmen allein durch seine schiere Größe inzwischen bürokratischer geworden ist, zu einer langsameren Entwicklung.

[] Der Gigant verliert den Kreativ-Nimbus

Google galt einst nicht nur als kreativstes Unternehmen der Welt. Dies hat sich zumindest zum Teil geändert: Zwar ist Google vielen Umfragen zufolge noch der beliebteste Arbeitgeber der Welt, der ungewöhnliche Ideen fördert, doch Flops wie Google Wave, Buzz oder (bislang) Google TV und die Hilfslosigkeit im Versuch, Google Plus als Facebook-Konkurrenten zu etablieren, kratzen am Ruf.

[] Google verliert den Idealisten-Nimbus

Ob das "Don't be evil"-Mantra jemals gerechtfertig war oder nicht: Google gilt schon lange nicht mehr als das Unternehmen von Idealisten, sondern als äußerst machtbewusster Großkonzern, der inzwischen vor großen Herausforderungen steht und seine Vormachtstellung neu behaupten muss.