Von Thorsten Riedl

Viele Telefongesellschaften planen eigene Internet-TV-Angebote - doch hier zu Lande sind die Kunden kaum bereit, dafür etwas zu zahlen.

Am Internet-TV hängen viele Hoffnungen - vor allem von Telefongesellschaften. Das Fernsehen über den Telefonstecker statt wie bislang gewohnt aus der TV-Buchse soll für Umsätze bei den Unternehmen sorgen, die in gesättigten Märkten nur noch relativ wenig Wachstum erzielen können.

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Analysten versuchen jedoch, die hochgesteckten Erwartungen bei den Firmenstrategen zu dämpfen. Mit der Mobilfunkgesellschaft O2 tritt nun ein künftiger Anbieter von Internet-TV als Erster auf die Bremse.

Statt wie noch im Sommer angekündigt schon im neuen Jahr, bringt das Unternehmen in Deutschland frühestens 2008 ein eigenes Angebot für Fernsehen über den Internetanschluss. "Wenn wir es 2007 machen, gewinnen wir vielleicht ein paar Früheinsteiger in das Thema - aber noch nicht den Massenmarkt", sagte Rudolf Gröger, Chef von O2 in Deutschland, im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.

Zehnmal so schnell wie DSL

Gröger leitet O2 seit mehr als fünf Jahren. Er ist damit der Dienstälteste in der deutschen Mobilfunkbranche - und muss nicht mehr jede Mode mitmachen. Die Diskussion um das Internet-TV hat in jüngster Zeit mit dem Angebot der Deutschen Telekom namens T-Home an Fahrt aufgenommen.

Das Fernsehen kommt beim Marktführer im deutschen Telefonmarkt über einen superschnellen VDSL-Internetanschluss. Mit 25 Megabit pro Sekunde strömen die Daten aus der Leitung - mehr als zehnmal so schnell wie bei einem herkömmlichen DSL-Zugang.

Das Tempo reicht für hochauflösendes Fernsehen, Telefonieren sowie Surfen im Internet, alles über die Telefondose. Bis zu 130 Sender kann der Kunde schauen, auf Wunsch auch zeitversetzt.

Daneben gibt es eine Videothek im Netz, aus der sich jederzeit Filme leihen lassen. Zum Jahresende 2006 konnten Haushalte in zehn deutschen Städten Internetfernsehen der Deutschen Telekom sehen. Bis Ende 2007 sollen es nach den Plänen der Telekom eine Million Zuschauer sein.

Schon elf Anbieter in Europa

Hansenet bietet ebenfalls seit vergangenem Sommer Internetfernsehen. Auch hier kommen nur Kunden mit einem Breitbandzugang zum Internet in den Genuss des neuen TV-Angebots.

Das Bild nimmt seinen Weg bei der deutschen Tochterfirma von Telecom Italia über einen normalen DSL-Anschluss mit besonderen Komprimierungsverfahren. Die Nummer zwei am deutschen Telefonmarkt, Arcor, hat für den kommenden Sommer ein ähnliches Angebot über die DSL-Steckdose angekündigt.

Im Gegensatz zur Deutschen Telekom und Hansenet plant Arcor keinen monatlichen Grundpreis für das Fernsehen aus dem Netz. Elf von 17 ehemals staatlichen Telefongesellschaften haben in Europa laut dem Marktforschungsinstitut Forrester bereits eigenes Internetfernsehen gestartet. BT und Portugal Telecom sollen in den nächsten Monaten nachziehen.

Analysten bremsen die Euphorie

Der Branchenverband der IT- und Telekommunikationsindustrie Bitkom sieht große Chancen im Fernsehen der Zukunft. "Internetfernsehen und mobiles TV werden in wenigen Jahren ein fester Bestandteil der Medienlandschaft in Deutschland sein", sagt Willi Berchtold, Präsident der Interessenvertretung. Allein in Deutschland soll der Bereich in diesem Zeitraum nach Prognose des Bitkom 7000 Arbeitsplätze schaffen.

Analysten hingegen bremsen die Euphorie des Verbandes und der Anbieter: Nach einer Prognose von Forrester sehen in Deutschland erst Ende 2009 zehn Prozent der Haushalte mit Breitbandanschluss über das Internet fern.

Lars Godell, Analyst bei dem nordamerikanischen Marktforschungshaus und Verfasser einer Internet-TV-Studie, rechnet 2015 hier zu Lande mit Fernsehen über das Netz bei mehr als einem Viertel aller ans schnelle Internet angeschlossenen Haushalte. Damit wird die Bundesrepublik ein wenig über dem europäischen Schnitt liegen.

Niedriger Umsatzbeitrag

Schlimmer noch als die sich langsam entwickelnde Nachfrage wiegen für die Telefongesellschaften die geringen Umsätze, die nach der Forrester-Analyse erreicht werden.

"Deutsche Konsumenten erfreuen sich der höchsten Zahl an freien Fernsehkanälen in Europa", erklärt Godell. "Sie sind es gewohnt, wenig zu zahlen für das weitverbreitete Kabelfernsehen." Er rechnet daher damit, dass die Deutsche Telekom in fünf Jahren einen Nettoumsatz von nur 3,93 Euro pro Internet-TV-Zuschauer und Jahr erwirtschaftet - weniger als die Hälfte dessen, was andere europäische Internetfernsehanbieter im Schnitt erlösen werden. Godell: "Ehemalige Staatsbetriebe sollten sorgfältig mit ihren Internet-TV-Plänen fortfahren."

Sein Kollege Bob House, Berater bei CSMG, sieht den Vorteil von Internetfernsehen für die Unternehmen daher auch weniger im Umsatzbeitrag als im Stoppen des Kundenschwunds und des Preisverfalls für den Breitbandanschluss.

Nach wie vor wetteifern die Telefongesellschaften und preisen jeweils den billigsten Zugang zum Netz an. Zusatzfunktionen wie Internet-TV können die Offerten in den Augen der Konsumenten aufwerten.

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(Süddeutsche Zeitung vom 4. Januar 2007)