Internet-Dominanz Googlers Albtraum

Wer Google Chrome hat, soll künftig auch nur noch Google Chrome brauchen. Allerdings: Wer dann ins Netz geht, muss aufpassen, nicht zur Beute zu werden.

Ein Kommentar von Christian Krügel

Es ging ihnen um nichts weniger als um die Freiheit. Es ging ihnen um die Würde der Menschen, die das Internet nutzten. Und die Feinde waren die Großen, die Beinahe-Monopolisten von Microsoft und AOL. "Don't be evil - sei nicht böse", hieß der Leitspruch von Larry Page und Sergej Brin, als sie 1998 eine schnelle, kommerziell unabhängige Suchmaschine für das weltweite Netz vorstellten, die von jedermann leicht genutzt werden kann.

Google hieß das Programm, das als eine Art Robin Hood des Computerzeitalters den Großen nahm und den kleinen PC-Nutzern gab, die zuvor ohne diese Großen die grenzenlose Informationsfreiheit des Netzes kaum genießen konnten.

Zehn Jahre ist das erst her, und Google hat seitdem den Alltag des Computernutzers derart gründlich verändert, dass eigentlich der Leitspruch von 1998 täglich als Menetekel an der Wand der Firmenbosse des Weltkonzerns Google erscheinen müsste: "Sei nicht böse" - missbrauche nicht die Macht, die du erworben hast.

Google hat den Alltag der User geändert

Das Leben in den Industrieländern hat sich googlisiert, je besser einer ausgebildet ist und zur Elite seines Landes gehört, desto weniger kann er sich dieser Googlisierung entziehen. Die Suchmaschine ist zum Superhirn der Menschheit geworden; Begriffe, die Google nicht ausspuckt, sind praktisch nicht existent.

Das Wort googeln hat es in den Duden geschafft. Googeln heißt: Informationen finden - und zwar so, wie die Suchmaschine sie präsentiert. Es heißt, Kontakte zu knüpfen, die schnellste Fahrt in den Urlaub zu planen, via Satellitenbild bei Google Earth in den Garten des Nachbarn zu schauen und über Google Video in die Welt der YouTube-Filme zu tauchen.

Die wenigsten stört, dass ihnen zu den Suchergebnissen auch noch die passende Werbung mitgeliefert wird. Der Nutzer verrät beim Googeln so viel über seine Vorlieben, dass ihn die Werbewirtschaft mit personalisierten Botschaften ansprechen kann. Die Kapitalismuskritiker von vor zehn Jahren haben eines der erfolgreichsten Geschäftsmodelle des Computerzeitalters entwickelt.

Folgerichtiger Schritt

Es ist daher nur folgerichtig, dass Google jetzt auch einen eigenen Browser fürs Internet anbietet, ein Einstiegsprogramm also, das bislang immer noch 72 Prozent aller Nutzer vom Großkonzern Microsoft beziehen. Dessen Internet Explorer ärgert viele Anwender seit Jahren, so dass zusätzliche Konkurrenz eigentlich nicht schaden kann. Und schließlich verspricht Google ja auch, dass sein Produkt schneller, sicherer und einfacher sei, dem normalen Anwender besseren Datenschutz und den Experten mehr Möglichkeit zur Weiterentwicklung biete.

Der Jubel der Microsoft-Hasser in den einschlägigen Diskussionsforen des Netzes ist Google deshalb gewiss. Es gibt aber in diesen Foren auch die Warner, die Orwells Vision vom allgegenwärtigen Überwachungsstaat nicht in totalitären Systemen der realen Politik, sondern im Großkonzern Google Wirklichkeit werden sehen. Aus dem Traum von der Internet-Freiheit wird ein Albtraum. Wenn das Internet keine Informationsfreiheit mehr bietet, sondern nur noch den virtuellen Eindruck davon, dann wird aus der Welt eine Scheinwelt.

Der Nutzer bekommt von Google eine Art Generalschlüssel, der ihm vermeintlich bequem das Tor zur weiten bunten Welt des Internets aufsperrt. Tatsächlich bietet sich aber nur der Blick auf die Dinge, die von einer Maschine und deren Suchprofil zugelassen werden. Präsentiert wird nicht die Wirklichkeit, sondern eine manipulierte Wichtigkeit: Bei den Google-Suchtreffern rangiert nicht ganz oben, was objektiv wichtig ist in der Welt, sondern was wichtig gemacht wurde: durch Schlagworte, die Suchmaschinen besonders gut erkennen, durch die Zahl der - oft manipulierten - Aufrufe einer Seite, durch Verlinkungen und Spielereien, die nur Techniker kennen.

Alles eines Frage der Optimierung

Weil Unternehmen aller Sparten diese Systematik kennen und fürchten, gibt es das neue Berufsbild des Suchmaschinenoptimierers, der diktiert, wie eine Seite aufgebaut, ein Text geschrieben sein muss, damit dieser in Google als besonders wichtig erkannt wird. Die Welt wird so verdichtet auf ein fragwürdiges Substrat von Schlagwörtern, die in Verbindung zu Werbeangeboten und scheinbar für ihn maßgeschneiderten Suchprofilen den Internet-Nutzer einlullen. Vorwerfen kann man das Google nur bedingt.

Das Unternehmen verhält sich nicht anders als alle Großkonzerne, Microsoft allzumal. Theoretisch kann jeder Verbraucher andere Browser und andere Suchmaschinen nutzen. Der durchschnittliche Internet-Nutzer wird in der Praxis freilich im Netz von Google & Co. landen - weil er gar nicht um die Gefahr der manipulativen Kraft und auch nicht um die Alternativen weiß.

Der mündige Verbraucher ist hier der wissende und versierte Verbraucher. Es ist freilich viel einfacher, die Frische von Eiern als die Qualität von Suchergebnissen und Datenprofilen zu überprüfen. Das muss gelernt und in der Schule gelehrt werden: Der Nutzer muss wissen, nach welchen Kriterien maschinell in wichtig und unwichtig, gut und böse eingeteilt wird. Er muss lernen, mit welchen Techniken man das Internet bedienbar gemach. Wer ins Netz geht, muss aufpassen nicht Beute zu werden.