Von Helmut Martin-Jung

Ist das Internet schlau genug für die Ansprüche der Zukunft?

Das Video vom Beinahe-Flugzeug-Crash in Hamburg ansehen oder kostenlos nach Schanghai telefonieren - das Internet macht vieles scheinbar mühelos möglich. Doch so selbstverständlich ist das nicht. Die Technik, die dahintersteckt, ist schließlich schon alt. Kaum jemand dachte vor 40 Jahren daran, dass einmal Ströme von Multimedia-Daten durch die Leitungen rauschen würden. Texte wollte man hin- und herschicken, was selbst mit den lahmen Geräten von damals blitzschnell ging. Heute warnen viele Experten vor einer Verstopfung des Internets, nicht bloß wegen der schieren Menge der Daten, sondern auch wegen der Art, wie die Daten übertragen werden. Ist das alte Netz schlau genug für die Anforderungen von morgen?

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Um sicherzustellen, dass Texte fehlerlos übertragen wurden, ließen sich die Väter des Internets ein intelligentes Verfahren einfallen, das Protokoll TCP/IP. Die Daten werden dabei nicht in einem Rutsch gesendet, sondern vor dem Abschicken in Päckchen gestückelt. Und nach jedem abgeschickten Päckchen fragt der sendende Computer nach, ob der Empfänger das Paket auch erhalten hat.

Falls nicht, wird es so oft nachgeliefert, bis der Empfänger Vollzug meldet. Was für Texte eine gute Lösung ist, weil eine kurze Verzögerung keine Rolle spielt, macht bei anderen Daten Schwierigkeiten. Wer etwa ein Telefonat über das Internet führt, ist kaum bereit, sekundenlang zu warten. Ebenso wenig soll aber die Gesprächsqualität leiden. Das wäre jedoch der Fall, wenn unterwegs zu viele Päckchen verloren gehen.

Neue Übertragungsverfahren

Einen Ausweg aus diesem Dilemma könnte ein neues Protokoll bieten. An einem neuen Übertragungsverfahren forscht unter anderen eine Arbeitsgruppe um Thorsten Herfet an der Universität des Saarlandes. Unter dem Stichwort "Future Internet" versuchen die Experten, Daten möglichst effizient, verzögerungsfrei und ohne Verlust zu übertragen. "Wir sehen nach, welche Fehlerrate die Anwendung maximal erlaubt", sagt Manuel Gorius vom Institut für Mathematik und Informatik.

Bei einer Fernsehübertragung in der Qualität von Satellitensendern darf beispielsweise nur jedes millionste Datenpaket verloren gehen. Weil es natürlich auch beim Senden über Satelliten oder Kabel vorkommt, dass Daten verschwinden, werden mehr Daten gesendet als nötig wären. Anders als der Computer im Internet kann der Fernseher ja nur Daten empfangen, aber nicht zurücksenden. Diese vorsichtshalber mitgeschickten Daten bezeichnen die Experten als Vorwärtskorrektur.

Das von den deutschen Wissenschaftlern entwickelte Protokoll verbindet die Vorzüge der beiden Verfahren. Der Trick dabei ist, dass der Empfänger sich nur dann meldet, wenn ihm etwas fehlt. Ob das Protokoll im Internet jemals eingesetzt werden wird, ist offen. Internetanbieter haben zwar Interesse gezeigt, aber damit weltweit gültige Protokolle geändert werden, müssen die Neuerungen einmal offiziell zum Standard erklärt werden. Darauf können Unternehmen nicht warten, die heute mit den Unzulänglichkeiten des Internets fertig werden müssen; die Kunden ihres Online-Shops nicht verlieren wollen, weil die Verbindung kurz vor dem letzten Knopfdruck mal wieder nicht schnell genug ist. Erste Klasse für Daten

"Wir müssen das Netz intelligent machen"

Um solche Fälle kümmert sich die Firma von Roy Zisapel, die in Israel beheimatete Radware. "Wir müssen das Netz intelligent machen", sagt er. Das kann heißen, Vorfahrt für bestimmte Daten zu schaffen. Darum ging es, als Apple den Verkauf des iPhones startete und sich Tausende von Neukunden gleichzeitig über das Internet anmeldeten. Das Handy mit seiner gelungenen Benutzeroberfläche und der guten Internet-Darstellung führte auch dazu, dass das Internet erstmals auch mobil in nennenswertem Umfang genutzt wurde.

Damit das auch ohne UMTS schneller funktioniert, läuft in den USA jetzt der Datenverkehr des iPhones über Hard- und Software von Zisapels Firma. "Es ergibt ja keinen Sinn, an ein Handy eine Riesen-Fotodatei zu verschicken, die es auf dem kleinen Bildschirm nicht anzeigen kann."

Ein intelligentes Netz aber kann noch mehr. Zum Beispiel den gesamten Datenverkehr eines Kunden über den Schutzfilter eines beliebigen Antiviren-Anbieters laufen lassen. Oder das Netz erkennt potenziell gefährliches Verhalten. Mit Banken arbeitet Radware derzeit daran, Kunden Hilfetexte auf den Bildschirm zu schicken, wenn sie beim Online-Banking offensichtlich orientierungslos auf der Webseite der Bank umherrirren. Für das Auktionsportal Ebay überwacht Radware den Datenstrom auf verdächtige Aktivitäten wie einen Einbruchsversuch. Aber steckt in dieser Rundumbetreuung nicht auch etwas Big Brother? "Sicher", räumt Zisapel ohne Zögern ein, "aber alle anderen Anbieter erfassen diese Daten ja auch."

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(SZ vom 8.3.2008)