10 Jahre iPhone Im digitalen Dauerstress

Immer online - so wie hier auf einer Mauer in Mailand.

(Foto: Luca Bruno/AP)

Vor zehn Jahren kam das iPhone auf den Markt. Inzwischen schauen Smartphone-Nutzer täglich 88-mal auf ihr Gerät. Muss das sein?

Von Anna Fischhaber und Mirjam Hauck

Ein Abend mit Freunden. Dass die Diskussion mitten im Satz abbricht, weil jemand gerade ein echt witziges Foto geschickt bekommen hat, sind alle längst gewohnt. Doch diesmal ist auch Siri dabei. "Wo bin ich und wie komme ich am schnellsten nach Hause", fragt eine Freundin. "Ich habe dich nicht verstanden", sagt die Stimme des iPhones. "Siri, wie wird das Wetter", fragt die Freundin. Wir reden über einen möglichen Ausflug am nächsten Tag. Diesmal antwortet Siri sofort. "Karla, morgen scheint die Sonne." Das Wetter sage ihr das Smartphone jeden Morgen als Erstes an, erzählt sie.

Das Smartphone muss nicht gleich zum neuen Partner werden, es reicht schon, dass wir damit Uhr, Kalender, Bücher ersetzt haben und dabei süchtig geworden sind. Ständig schauen wir auf den Bildschirm, obwohl wir gerade nichts brauchen. Aus Gewohnheit. Aus Langweile. Um uns noch einmal zu versichern, wie viele Bekannte wir haben. Und oft ist nicht der Partner, sondern das kalte Display das Erste und das Letzte, was wir jeden Tag berühren. Längst sind wir nicht mehr auf reale Konkurrenten eifersüchtig, sondern auf die Zeit, die unser Partner mit seinem Handy verbringt.

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Alle 18 Minuten

Auf jede neue Nachricht, die das Gespräch mitten im Satz ersterben lässt. Wir leben im digitalen Dauerstress. Und je mehr Aufgaben das Smartphone für uns übernimmt, desto unersetzlicher wird es. Auch unsere Verabredungskultur hat das Smartphone verändert. Einmal ausgemachte Dates sind lange nicht mehr so verbindlich wie früher. Kurz vorher checkt jeder noch mal, ob sich nicht doch vielleicht Zeit und Ort geändert haben.

Man rechnet fast damit, dass etwas dazwischenkommt. Kaum noch vorstellbar, dass Verabredungen mal halbwegs pünktlich am verabredeten Ort stattfanden. Dass man Artikel zu Ende gelesen hat und nicht nach drei Absätzen zum nächsten wischt. Dass man nicht minutenlang überlegt hat, welches Selfie oder süße Kinderfoto die meisten Likes bei Facebook bringt.

Forscher des Bonner "Menthal Balance"-Projekts, die über eine App das Verhalten von 60 000 Smartphone-Nutzern beobachten, haben herausgefunden, dass jeder Nutzer 88-mal das Smartphone einschaltet, pro Tag. 35-mal, um die Uhrzeit zu checken oder nachzuschauen, ob man eine neue Nachricht bekommen hat. 53-mal zum Surfen, Chatten oder um eine andere App zu nutzen. Alle 18 Minuten unterbrachen die freiwilligen Probanden der Studie ihre Tätigkeit, um online zu sein.

Was also tun? Manche schaffen ihr Smartphone ab und kaufen sich wieder ein normales Handy, mit dem man telefonieren und höchstens noch SMS verschicken kann. "Entschleunigt", fühle er sich, erzählt einer, der diesen Schritt gewagt hat. Sein Alltag sei nicht mehr so zerstückelt, er könne sich wieder konzentrieren. Ab und zu verpasse er eine Einladung, weil er nicht mehr Mitglied in der entsprechenden Gruppe sei.