Im Porträt: Anke Domscheit-Berg Mrs. Microsoft wagt den Absprung

Anke Domscheit-Berg hat bei McKinsey und Microsoft Karriere gemacht - gegen viele Widerstände. Jetzt berät sie andere.

Von Varinia Bernau

Es ist keiner der Sprünge, von denen sie schon so viele in ihrem Leben gemacht hat. Eher ein Schritt, klein und konsequent. Anke Domscheit-Berg war ein Aushängeschild für die Frauenfreundlichkeit des Softwarekonzerns Microsoft. Nun verlässt die 43-Jährige das Unternehmen nach drei Jahren, um ihren eigenen Weg zu gehen. Als Beraterin in Sachen Frauenförderung macht sie sich selbständig. Um mehr Zeit zu haben, wie sie sagt, für das, was sie umtreibt - und wofür sie bislang Urlaub nahm. Vor gut zehn Jahren, als sie selbst feststellte, dass die gläserne Decke hart wie Beton ist, hat sie angefangen, nach Argumenten zu suchen.

Bei McKinsey, wo sie damals eigentlich Firmen zum Einsatz von Informationstechnologie beriet, hat sie eine der ersten Studien über den wirtschaftlichen Mehrwert von Frauen in Führungspositionen angestoßen. "Ich wollte, dass das von einer Institution kommt, auf die Manager hören - und nicht von irgendwelchen Lilabelatzhosten." Sie spricht auf Konferenzen, hat Hunderte von Managerinnen geschult, bei Bosch, der Commerzbank oder Fraport.

Frauen empfiehlt sie, auf den Konjunktiv zu verzichten. Chefs sagt sie, dass die Frage einer Mitarbeiterin "Kann ich das denn?" nicht automatisch heißt, dass sie den neuen Job nicht schafft - nur weil all die männlichen Kollegen sonst stets auf ein Aufstiegsangebot "Na klar!" entgegnen. Ausführlich spricht sie über wissenschaftliche Studien - und über die persönlichen Erlebnisse, die ihr Frauen anvertraut haben. Nebenbei zählt sie die Hustensafttropfen für ihren Sohn ab, der am Tag zuvor mit Fieber aus der Schule kam.

Bei Microsoft war Domscheit-Berg für den Kontakt zu öffentlichen Verwaltungen zuständig. Wie sich Behörden den Bürgern öffnen, ist die andere Frage, die sie umtreibt. Open Government, wie das im Netzjargon heißt. Auch dafür möchte sie mehr Zeit haben, wenn sie ihre Antwort auch schon gefunden hat: "Die Ämter haben gar keine andere Wahl. Es geht nur noch darum, ob und wie sie an dem Prozess gestalterisch beteiligt sind." Konflikte wie der um das Bahnprojekt Stuttgart 21 ließen sich vermeiden, wenn Planungen im Netz offengelegt und die Menschen sich dort einbringen könnten.

Inzwischen sorgt ihr Name aber noch aus einem anderen Grund für Aufmerksamkeit. Seit dem vergangenen Sommer ist sie mit Daniel Domscheit-Berg verheiratet - dem ehemaligen Sprecher der Enthüllungsplattform Wikileaks, der nach einem Streit mit Gründer Julian Assange nun die alternative Web-Plattform Openleaks aufbaut. Einen Konflikt mit ihrer Tätigkeit sieht sie nicht. Beiden gehe es um Transparenz. Sie plädiert dafür, dass der Staat sich öffnet, seine Bürger einbindet, für Vertrauen wirbt. Sie selbst setzt auf das Vertrauen bei den IT-Verantwortlichen in der öffentlichen Verwaltung, die sie viel länger kennen als ihren Mann.

Ein Hochzeitsbild hat Domscheit-Berg in einem Blog veröffentlicht - mit dem Hinweis, dass es ihn gibt, den starken Mann, der "von selbst aktiv wird, wenn Rechnungen zu bezahlen sind, Brot, Milch oder Toilettenpapier besorgt werden müssen oder die Mittagszeit naht und die Familie Hunger auf warmes Essen hat." Anke Domscheit-Berg lebt im Netz: Wenn sie sich für ihre knallroten Strümpfe irgendwo in der Provinz seltsame Sprüche anhören muss, dann lässt sie das die Welt per Twitter wissen.

Sie ist selbst ist im brandenburgischen Premnitz geboren und in Müncheberg aufgewachsen. Als die Mauer fiel, stand sie kurz vor dem Ende ihres Kunststudiums. Die versprochene Stelle als Mustergestalterin bei einem Verlag konnte sie nicht antreten, weil es das Unternehmen einfach nicht mehr gab. Also ging die damals 23-Jährige dorthin, wo es Jobs gab - nach Frankfurt am Main.

Ihren ersten Job bei einem Reiseveranstalter fand sie, nachdem sie die Gelben Seiten aufgeschlagen hat - unter A. Später studierte sie internationale Betriebswirtschaft an einer privaten Hochschule - inklusive einer Zeit im englischen Newcastle. Zwölf Jahre arbeitete sie dann bei den Unternehmensberatungen Accenture und McKinsey. Domscheit-Berg bescheinigt sich selbst einen Pragmatismus. Alles auf Anfang, das mache ihr keine Angst, als eine, die aus dem Osten kommt.

Und noch etwas hat sie gelernt in der DDR: Ihre Mutter arbeitete als Kunsthistorikerin, ihr Vater als Arzt. Sie selbst tobte in der Natur herum mit Kindern, deren Eltern ebenfalls arbeiteten. Und zwar beide. Ohne diese Erfahrung, sagte sie, hätte sie manchen Kommentar ihres Chefs nicht so einfach weggesteckt, als sie vor zehn Jahren selbst ein Kind bekam und nicht daran dachte, den Job an den Nagel zu hängen.

"Ostdeutsche Teflonschicht", nennt sie das. Einfach abperlen lassen. Der Vater ihres Sohnes zeigte ihr einen Vogel, als sie sagte: "Ich mache die ersten sechs Monate frei, du die nächsten sechs Monate." Er hatte zwar eingesehen, dass eine längere Auszeit auch in ihrer Karriere für einen Knick sorgen würde, aber er war sich sicher, dass der Knick in seiner Karriere schlimmer sein würde. Und daran, so sagt Domscheit-Berg, sei ja durchaus einiges dran.

Wer als Mann mehr als die obligatorischen zwei Monate in Elternzeit gehe, werde vom Chef noch immer als einer wahrgenommen, der auf Sparflamme arbeite. Dass auch Männer vorübergehend andere Prioritäten setzen, um sich später um so engagierter einzubringen, diese Erkenntnis gewinne nur langsam an Boden, sagt sie. Langsam, aber sicher. Davon ist Anke Domscheit-Berg überzeugt. Und dafür will sie arbeiten, nun noch ein wenig intensiver als bisher.