Identität in Zeiten der Facebook-Timeline Wie die digitale Welt den Bildungsbürger verändert

Wir sind, was wir lesen, hören oder sehen. Doch das, was wir als kulturelles Profil bezeichnen, pflegen wir inzwischen immer stärker digital. Das hat Folgen: In einer Welt, in der alles in Sekunden erfahrbar ist, wandelt sich die Rolle von Bildung und Geschmack - nicht immer zum Besseren.

Von Johannes Boie

Früher war vieles einfacher. Noch vor kurzem konnte man beim Besuch eines Bekannten erkennen: "Nicholas Sparks im Regal und noch ein paar Platten von den Ärzten, na, wir werden wohl nicht die allerbesten Freunde." Geschmack, so hat es auch der Schriftsteller Nick Hornby in seinem Roman "High Fidelity" beschrieben, ist nie nur Vorliebe, sondern auch Schaufenster der Identität.

Nun werden die Bücherregale noch nicht seltener. Doch immer öfter stößt man auf eines der digitalen Lesegeräte wie dem Kindle des Onlinehändlers Amazon. Die Musik verschwindet auf einer Festplatte oder einem iPod. Wie verhält es sich da nun mit Geschmack, Bildung und Humor?

Sind auf diesen Geräten Zeichnungen von F.K. Waechter gespeichert, eine Beckett-Gesamtausgabe und Musik von den Flaming Lips? Oder eben doch Nicholas Sparks und die Ärzte? Oft kann man jetzt schon den Übergang vom analogen zum digitalen Kulturkonsum an den Regalen erkennen.

Die sichtbare Sammlung wird mit dem Zeitpunkt des Gerätekaufes deutlich dünner. Und das funktionale Grau des Kindle, das schlichte Weiß des iPods verraten nun einmal nichts über ihre Besitzer.

Und auch außer Haus verschwindet mit der Mobilität der digitalen Geräte eine Möglichkeit, sich zu unterscheiden. Auf der Zugfahrt oder beim Pendeln im Nahverkehr ist das Buch seiner Rolle als Statussymbol beraubt. Wie soll man mit dem Sitznachbarn ins Gespräch über seine Lektüre kommen, wenn der nur auf einen Bildschirm blickt?

Tief in der kulturellen DNS der Menschheit

Dabei hat das öffentliche Lesen eine lange Geschichte. Die fixierte Schrift besitzt schon seit den Papyrusrollen des pharaonischen Ägypten einen hohen materiellen Wert. Tief in der kulturellen DNS der Menschheit ist verankert: Die Fähigkeit und Möglichkeit, ein Buch zu lesen, setzten zu allen Zeiten Wissen, Zeit und - in der Regel - Verstand voraus.

Eines steht jetzt schon fest: Bücher sind digital günstiger, mobiler, leichter und bereits heute so einfach zu konsumieren wie ein klassisches Buch. Das mag die positive Kehrseite haben, dass die Essenz des Buches zählt: Am Ende ist es der Text, der ein Buch zum Buch macht. Und nicht der Leineneinband oder das besondere Papier. Aber auch für weniger statusfixierte Menschen stellen sich künftig gewichtige Fragen. Zum Beispiel die, ob und wie die eigene Identität vom Medienwandel betroffen ist.

In diese Lücke will nun das soziale Netzwerk Facebook mit einer neuen Funktion stoßen, die letzte Woche vorgestellt wurde: der Timeline. Dieses Programm funktioniert wie eine teilautomatisierte Abbildung eines Menschenlebens auf dem Computerbildschirm.

Jeder Mausklick, jeder Ortswechsel, jede neue digitale "Freundschaft" wird auf einer abrufbaren Zeitlinie gespeichert. Und weil man in Zukunft auf Facebook auch Filme ansehen, Musik hören und Texte lesen kann, soll sich dort nun auch jenes Geschmacksprofil abbilden, das früher im Regal sichtbar wurde.

Die Facebook Timeline ist nicht die erste Form der kulturellen Selbstdarstellung im Netz. Sie treibt sie jedoch auf die Spitze. In geringerem Umfang lässt sich das kulturelle Profil bei einem regelmäßigen Nutzer von Facebook bereits heute klar erkennen, und oft kann man auch den gesellschaftlichen Status, den Bildungsgrad und die kulturelle Sozialisierung ablesen.