Wir erleben gerade das Entstehen der digitalen Identifizierung. Sie weiß zwar nicht, wer wir sind, aber alles über das Mosaik unserer Existenz.
Unsere Vorstellungen von Datensicherheit und unsere Forderungen zum Schutz der Privatsphäre sind an zentraler Stelle von einem Begriff von Identität geprägt, die sich über klassische Merkmale definiert: Name, Geburtsdatum, Wohnort, Signatur und unveränderliche biometrische Kennzeichen wie Narben, Gebiss, Augenfarbe und Fingerabdrücke. Diese Parameter beschreiben den Menschen anhand von Personalien, die in ihrer konkreten Ausprägung nur genau einem Individuum zugeschrieben werden können. Es sind also gewissermaßen Zuschreibungen von außen: Der zu identifizierende Mensch wird - das Passiv steckt schon im Begriff - erkennungsdienstlich behandelt. Er muss nichts tun, kann passiv bleiben bei seiner Identifizierung. Im tragischen Fall als Toter für ein gerichtsmedizinisches Gutachten.
Online sein, heißt Privatsphäre preisgeben. (© Foto: Reuters)
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Wahrung der Privatsphäre heißt dementsprechend, dass diese Personendaten nicht in falsche Hände geraten dürfen, damit keine Bankkonten mit okkupierter Autorität geplündert oder Grenzen mit angenommenen Identitäten überschritten werden. Dieser statische Identitätsbegriff entstammt der Hemisphäre des Analogen, des Sichtbaren und Mechanischen: der Politik und Polizei, der Armee und Arbeitswelt und der Medizin. Er wird nicht verschwinden, denn krank werden die Leute ja auch weiterhin werden, und sterben tun sie sowieso.
Wir erleben jedoch gerade das Entstehen einer neuen Form der Identifizierung und damit das Entstehen neuer Identität. Dieser Identifizierung ist die alte statische Identität der Merkmale einer Person herzlich egal. Nicht einmal mehr das. Denn die Instanzen dieser neuen Identifizierung haben kein Herz. Es sind Maschinen: Computer, gefüttert mit gewaltigen Datenbeständen, die von Typisierungsalgorithmen durchkämmt werden. Ihr Wissen, ihre Potentiale und vermutlich auch ihre Macht stecken in Datenbanken, die sie durchforsten. Wir selber sind es, die diese Datenbanken kontinuierlich füllen. Denn wir hinterlassen digitale Spuren: Kommunikationsspuren, Ortsangaben, Konsumnachweise. Je länger wir die Speicher füllen, desto feiner und detaillierter wird das Mosaik unserer Existenz. Diese neue Form der Identifikation also ist dynamisch, prozessual. Man erkennt uns, weil wir leben.
Erste Ergebnisse solcher Typisierung liefert der Internethändler Amazon bereits: "Menschen, die dieses Buch gekauft haben, interessieren sich auch für diese Bücher." Inzwischen ist es in einem Experiment gelungen, allein aufgrund der Twitter-Verbindungen von Mitgliedern des US-Kongresses deren Parteizugehörigkeit nachzuweisen. Dazu wurden die Tweets, die Twitter-Texte, nicht gelesen, und es wurden auch keine Namen offen gelegt. Es wurde einzig analysiert, welche Teilnehmer miteinander und wie oft sie miteinander kommunizierten. Analysiert wurde wie in der Äsop-Fabel, in welcher ein Esel daran erkannt wird, in welcher Gesellschaft er sich befindet. Mat Morrison, der Mann, der diese Twitter-Analyse durchgeführt, hält übrigens die Frage, ob man Parteizugehörigkeit errechnen könne, für beantwortet.
Wissenschaftler des Massachusetts Institute of Technology und der Harvard University untersuchten in einer Studie über 94 Personen, ob man deren Freundschaften und Cliquenbildung besser aus Interviews der Beteiligten oder aus deren Handy-Verbindungsdaten ermitteln könne. Die Forschergruppe fand heraus, dass die Verbindungsdaten aufschlussreicher waren als die Befragungen. Wie Christiane Schulzki-Haddouti in der Fachzeitschrift c't dazu weiter ausführt, entsprachen die für diese Studie in wenigen Wochen mit technischen Mitteln erhobenen und analysierten Daten dem Aufwand von 330.000 Wissenschaftler-Arbeitsstunden - oder einer klassischen Feldforschung von fast 38 Jahren.
Die neuen Techniken der Identifizierung von Menschen verlangen geradezu nach derartig großer Zahl und langer Dauer der Aufzeichnungen. Je mehr Daten von Menschen die Maschinen verarbeiten können (und sie können es immer schneller), je unterschiedlicher diese Datentypen tatsächlich sind und je länger der Zeitraum ist, über den sie erfasst werden, umso feiner wird das Raster zur Erkennung von Stereotypien. Umso genauer können sie Muster im Verhalten der Menschen erkennen und prognostizieren.
Das vor wenigen Jahren noch kaum überbrückbare Problem, das komplexen Massen-Screenings von Populationen entgegenstand, das Problem des Abgleichs unterschiedlicher Datenbanken, wird inzwischen als nur noch gering bewertet. Im erwähnten Artikel der c't sagt Hannah Seiffert, die Justiziarin des Internet-Provider-Verbands eco, "dass man sich für die Verknüpfung und den Zugriff auf die unterschiedlichsten Datenbanken nur (noch) darauf einigen muss, in welchem Datenformat die Ausleitung zu erfolgen hat."
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Wirbel um Obama-Biographie
Ich hatte mal einen Chef, der mehrere Textbausteine im Kopf hatte. Einer davon: "Es muss sich darum gekümmert werden". So konkret, so unbrauchbar. Dieser Spruch fällt mir beim Lesen des Artikels ein. Wem nutzt das Lamentieren?
Jeder, der sich schützen will, kann selbst etwas tun, er, muss nur bereit sein mitzudenken. Er muss bereit sein, sich ein paar technische Zusammenhänge klar zu machen. Er muss Problembewusstsein entwickeln, wo es (noch) nicht vorhanden ist. Ich nehme niemandem übel, wenn er bestimmte Fakten und Zusammenhänge nicht kennt Wenn er aber Lern-Tipps bekommt, sollte er sie nutzen.
Wer sich durch Mitdenken schützen will, findet z.B. hier praktische Infos, die er ohne Informatikstudium, ohne zusätzliche Hard- oder Software ab sofort umsetzen kann:
http://litfas.de/computertreff/email-missbrauch.php
http://litfas.de/computertreff/sichere_zugangsdaten.php
Einfach mal reinschnuppern. Sie werden staunen, wie einfach und wirksam manche Denkweisen sind.
Verzeihung, ich habe mich etwas verformuliert. Ich denke, was ich sagen will, ist trotzdem erkennbar: Benutzerverhalten analysieren ist immer noch nicht böse an sich und nicht sofort das gleiche wie Identifizieren. Ferner ist die Beachtung der Rahmenbedingungen entscheidend und wie und wozu Daten erhoben werden. Alles und jedes läßt sich stets positiv wie auch negativ verwenden. Und unter dem Strich ist hier eine Entscheidung zu treffen: Zum einen beim Einzelnen, der aktiv Daten erhebt und auswertet, zum anderen bei den Menschen, in wie weit sie das zulassen wollen. Oder ob sie weiter zulassen wollen, daß andere das für sie im egoistischen Sinn gegen ihre Interessen entscheiden.
Bei allem Respekt: Der Artikel bleibt sehr oberflächlich.
Erstens vermischt er zwei sehr wesentliche Dinge: Die Identität sowie das Verhalten. Die Identität ist einem Menschen wesenseigen. Aus seinem Verhalten kann man lediglich bei ausreichendem Informationsstand mit gewissem Unsicherheitsfaktor schließen. Das war nie anders und wird nie anders sein. Wer daher ein Buch bei Amazon kauft, ist noch immer anonym. Seine Identität gibt er - leider - dadurch Preis, daß er genaue Angaben über sich selbst macht, um die Zahlung abwickeln zu können - und verliert damit seine Anonymität. Interessanterweise haben sich Konzepte der anonymen Geschäftsabwicklung - so wie es in der Realität beim Einkaufen eigentlich gang und gäbe ist - bis heute nicht durchgesetzt.
Unterscheiden muß man bei all dem zwischen unternehmerischen Interessen und den Interessen der Staaten. Wohingegen die Unternehmen lediglich daran interessiert sind, herauszufinden, wofür man sich interessiert und welches Kaufpotential man hat, um einem etwas zu verkaufen, haben Staaten ganz andere Interessen. Hier geht es in der Tat um die Identifikation von zwischenmenschlichen Beziehungen jeglicher Art um Machtpositionen zu stärken. Während Unternehmen sich den Rahmenbedingungen des monetär verwertbaren Nutzens, der Kosten-Nutzen-Rechnung und weitgehend auch der gesetzlichen Vorgaben beugen müssen, gibt es für Staaten keine Schranken. Eine echte demokratische Kontrolle findet nicht mehr statt. Man schaltet und waltet unkontrolliert. Gibt es heute einen Skandal, muß man seine Überwachungsmaßnahme einfach nur durch die Hintertür 3 Jahre später einführen - und schon klappts. Im Zweifelsfall ändert man eben selbst die Gesetze, inklusive GG/Verfassung. Ohne jegliche Rücksicht, Hauptsache es dient dem Machterhalt.
Die entscheidende Frage ist die folgende: Wo wollen wir hin. Denn worauf es hinaus läuft, läßt sich bei einem Blick nach Berlin und Brüssel klar erkennen: Das Verhalten von allem und jedem wird minutiös überwacht. Entweder die Menschen setzen gegen die Interessen ihrer Regierung den Schutz der Anonymität und die Weiterexistenz einer Privatsphäre durch, oder es wird nichts dergleichen mehr geben. Ohne dies jedoch werden die Menschen keinerlei Macht mehr haben: Jeder Versuch der Einflußnahme wird als Bedrohung gewertet und verfolgt werden. Den Artikel 1 des GG können wir dann abschaffen: Alle Macht geht vom Volke aus.