Hype um Bildernetzwerk Sieben Thesen zu Pinterest

Alle sprechen über Pinterest, und sogar die Zahlen sprechen für den Online-Dienst zum Teilen von Bildern. Vermeintliche Konkurrenten können einiges von Pinterest lernen - dem aber am Ende dennoch nur die Nische bleiben wird.

Von Johannes Kuhn

Pinterest: Die unterschätzte Macht der Bilder.

(Foto: Screenshot)

Pinterest hat sich vom Hype der Stunde zum Hype des bisherigen Jahres entwickelt. Und anders als bei Quora, wo sich die Begeisterung innerhalb kurzer Zeit legte, oder Amen, das ohne den Berlin-Bonus wahrscheinlich deutlich weniger Blog-Erwähnungen erhalten hätte, ist der Erfolg sogar mit Zahlen unterfüttert: Rang 110 bei Alexa, werberelevante Zielgruppe (jung, weiblich), 11,7 Millionen Unique Visitors pro Monat und mehr Weiterleitungs-Traffic als YouTube, Google Plus und LinkedIn zusammen.

Soweit, so beeindruckend. Doch von Überfliegern und Wunderportalen bleibt häufig nach der ersten Euphorie kaum etwas übrig. Ist dieses Mal alles anders? Sieben Thesen zu Pinterest.

[] Tumblr ist der Hauptkonkurrent

Pinterest hat sich einige Funktionen von Tumblr abgeguckt und aus den Fehlern gelernt. Es ist intuitiver zu bedienen, übersichtlicher und kanalisiert die Funktion, die nur ein Teil von Tumblr war, aber inzwischen einen Großteil der Nutzung ausmacht: Das schnelle Bilderbloggen. Sollte sich die Zielgruppe fragmentieren, würde Tumblr nicht verschwinden - dafür ist es auch zu gut mit Risikokapital ausgestattet. Allerdings dürfte der Druck, ein ähnliches Geschäftsmodell wie Pinterest zu finden (Produktlinks auf E-Commerce-Seiten umlenken), wachsen.

[] Facebook und Twitter sind keine direkten Konkurrenten

Facebook ist Identität über Profil und Aktion, Twitter ist Identität in 140 Zeichen und Kommunikation. Schafft Pinterest wirklich Identität über Bilder? Natürlich sollen die Pinnwände Geschmack signalisieren, aber es scheint mir vielmehr eine Art Basar für interessante Ideen. Die Frage "Wer bist Du?" spielt eine kleinere Rolle; dass Pinterest allerdings das "Ich mag das" offenbar monetarisieren kann, wird sich auszahlen.

[] Facebook kann von Pinterest lernen

Facebook ist gut, wenn es um personenbezogene Bannerwerbung geht. Nun, zumindest so gut, dass die Werbetreibenden dort ihre Anzeigen platzieren. Gleichzeitig findet auf dem Zuckerberg-Netzwerk noch kaum relevanter E-Commerce statt - obwohl dies wichtig wäre, wenn aus den Facebook Credits mehr als eine Währung für Social Games werden soll.

Pinterest zeigt Facebook, dass das soziale Netzwerk zwei Dinge vernachlässigt hat: Die visuelle Wahrnehmung der Nutzer (die neue Startseite mit Chronik lässt erkennen, dass man dies gerade gemerkt hat) und die Usability, die einfach grauenhaft ist. Wenn Facebook eine Pinterest-Klonfunktion integriert, muss es sich noch einmal grundlegend Gedanken über die Benutzbarkeit der Plattform machen.

[] Die Macht des Optischen

Es wird viel über den vergleichsweise hohen Frauenanteil bei Pinterest geschrieben. Nun sind aber angenehme Optik und Stöber-Möglichkeiten nicht etwas, das nur Frauen anlocken würde. Vielmehr sind Bilder in den Bereichen Kunst, Design und Mode schlicht die Sprache, die alle verstehen. Flickr hat das als ebenfalls erkannt und passt sein Layout entsprechend an. Allerdings muss sich Webdesign, das Bilder zeigt, stets neu erfinden: Die Präsentationsform ist ebenso wichtig wie der Inhalt, wird der Pinterest-Look zum Trend, kann er schnell langweilig werden.

[] Das Teilen einzelner Elemente kann funktionieren

Es ist die ewige Frage aller dezentralen Dienste: Wie schaffe ich es, dass Nutzer möglichst reibungslos teilen können, wenn sie im Web unterwegs sind? Vom Bookmarklet bis hin zu eingeblendeten Leisten wurde viel ausprobiert, letztlich hat Facebook mit dem "Gefällt mir"-Knopf eine radikale und offenbar erfolgreiche Variante gewählt.

Die funktioniert aber bislang nur bei Seiten, Beiträgen, Videos. Was aber, wenn es kleinteiliger wird? Pinterest hat das Problem elegant gelöst: Die Software sucht sich die Bilder aus dem geteilten Link, der Nutzer muss sich nur durchklicken. Eine Sharing-Aktion kann also ruhig mehr als einen Klick benötigen - doch sie muss zentral stattfinden und logisch sein.

[] Pinterest gibt der Urheberrechtsdebatte neue Nahrung

Martin Weigert hat bereits auf die Bedeutung des Dienste für eine Debatte über die Reform des Urheberrechts hingewiesen: Tumblr war womöglich zu fragmentiert, um mit Urheberrechtsverletzungen für größeres Aufsehen zu sorgen.

Pinterest hingegen lebt einzig von Bildern - und damit von meist urheberrechtlich geschütztem Material. Das Unternehmen bietet zwar einen Code an, der das Pinnen blockieren kann. Nur befinden sich Bilder eben häufig nicht nur auf einem, sondern auf mehreren Seiten. Soll ein Photograph also alle Seiten, auf denen sein Bild zu sehen ist, um den Einbau des Codes bitten? Soll er regelmäßig Pinterest durchsuchen, um die einzelnen Fotos zu melden?

Copyright-Klagen könnten ein großes Problem für Pinterest werden - und Nutzer abschrecken, da sie laut Geschäftsbedingungen selber für die Rechtmäßigkeit der gepinnten Bilder verantwortlich sind. Womöglich wäre ein Rechtstreit aber ein Glücksfall für Urheberrechts-Reformer, da er mitten in die digitale Debatte über die Kopie im digitalen Zeitalter führt.

[] Pinterest wird ein Nischenprodukt bleiben

Es gibt neben der Rechtslage auch andere Dinge, die Pinterest stoppen könnten: Facebook oder Google könnten für ihre sozialen Netzwerke einen Klon bauen. Oder womöglich das Unternehmen einfach kaufen und integrieren. Und was ist mit der Frage, ob es Platz für ein weiteres Netzwerk im Online-Leben der meisten Menschen gibt? Ich glaube, dass Pinterest zwar überleben wird, aber nach dem Hype als Nischenprodukt. Das kann durchaus genügen, wenn das Geschäftsmodell der E-Commerce-Links wirklich funktionieren sollte.