Hip-Hop-Analysen von Rap Genius Musikgeschmack ist nicht berechenbar

Doch Musikgeschmack ist nicht berechenbar, weil diese Kriterien nur der technische und formale Rahmen sind für ein komplexes System aus emotionalen, biografischen und klangbildlichen Reizpunkten, die jeder Nutzer anders empfindet.

Reduziert man den Kontext von Musik nun auf die Texte, geht man gleich mehrere Schritte zurück. Als eindimensionales Medium ist Text um ein Vielfaches leichter zu erfassen und zu interpretieren. Um das Prinzip des Kontextes in eine netztaugliche Form zu bringen eignet sich allerdings kein Genre so gut, wie die Lyrik des Hip-Hop.

Mit dem Beginn der so genannten goldenen Jahre des Hip-Hop gegen Ende der Achtzigerjahre, entwickelten die Rapper ein lyrisches System, das unendliche Sprach- und Bezugsebenen kombinierte. Ein Schlüsselmoment dieser Entwicklung war die Single "Follow the Leader" von Eric B. & Rakim im Jahr 1988. Rakim brach in dem Song endgültig mit den Animier-Phrasen ("Is the party over here?") und Prahlereien ("When I'm on the mic, I rock the house right!") der ersten Generation.

Bei "Follow the Leader" waren die Reime mit Anspielungen auf den Verlust der eigenen Geschichte in der Sklaverei, auf die Lehren der afroamerikanischen Islamsekte Five Percent Nation, auf die Hits seines ersten Albums und auf den New Yorker Nahverkehr gespickt. Allein in der Zeile "The stage is a cage, the mic is like a third rail" steckte neben der regionalen Folklore (das "dritte Gleis" ist in der New Yorker U-Bahn die Hochspannungsleitung) das Motiv von der Selbstermächtigung der befreiten Sklaven im Aufbruch in den Norden während der "Great Migration".

Rakim öffnete die Tür für die lyrischen Abstraktionen und Codes in den Texten von Nas, Asap Rocky oder Azealia Banks. Und die Bezüge werden durch die Sprachebenen der zeitlich und regional oft deutlich unterschiedlichen Slangs immer weiter abstrahiert. Google findet so etwas nicht. Das schaffen nun die Tausenden Rap-Genius-Nutzer die diese Bezüge für symbolische "Rap IQ"-Punkte erstellen, ähnlich wie die Wikipedia-Nutzer das Weltwissen zusammentragen.

Vernetzung der Inhalte

Zwar beteiligen sich inzwischen auch etablierte Stars. Doch was Rap Genius und seine Ableger vor allem leisten, ist die Erstellung eines Basismodells für die Kontextualisierung des Internets. Wer die in den Griff bekommt, der kann die Vernetzung der Inhalte im Internet auf die nächste Stufe bringen. Was diese nächste Stufe bedeutet, ist abzusehen.

Suchfunktionen können sich weiter der menschlichen Sprache annähern. Die Lernfähigkeit künstlicher Intelligenz steigt. Die Zielgenauigkeit von Werbe- und Verkaufsprogrammen wird präziser. Leistung- und Produktivität werden gesteigert. Oder um es im Jargon des Silicone Valley zu sagen: "context is king". Dann muss er noch automatisiert werden.