Hasskommentare Jan hat keine Ahnung, was er falsch gemacht haben soll

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Was viele Nutzer befremden mag, ist juristisch in Ordnung. Aber Jan kann nach wie vor nicht nachvollziehen, warum er selbst gesperrt wurde. "Natürlich habe ich nicht immer sachlich argumentiert, sondern manchmal auch provoziert", gibt er zu. "Aber dabei war ich nie beleidigend, sondern habe mich höchstens über Pegida-Anhänger und selbsternannte besorgte Bürger lustig gemacht."

Mit keinem seiner öffentlichen Kommentare hat Jan eindeutig gegen Facebooks Gemeinschaftsstandards verstoßen. Auch bei jenem Posting, für das er schließlich blockiert wurde, ist unklar, warum es eine Sperre rechtfertigen soll. Auf seiner eigenen Seite veröffentlichte Jan diesen Screenshot einer Facebook-Diskussion (Unkenntlichmachung und Hervorhebung durch die SZ). Er selbst liefert sich dort als VDD einen Schlagabtausch mit anderen Facebook-Nutzern.

Über diese Aussage machte sich Jan lustig. Dafür wurde er gesperrt.

(Foto: Screenshot Facebook.com)

Über das Bild schrieb er ironisch (der Beitrag wurde gelöscht, deshalb ist nur noch der Screenshot der ursprünglichen Diskussion zu sehen): "Woher sollten Deutsche eine Handgranate bekommen? Das ist natürlich ein Argument!" Und forderte die Abonnenten seiner Seite auf, unter dem Beitrag zu kommentieren, um den Pegida-Anhänger etwas entgegenzusetzen: "Kommt gerne mal vorbei, hier drehen einige Pegidioten gerade richtig steil!"

Für Nutzer wie Jan ist Facebook eine Blackbox

Ob man das witzig findet oder nicht - dass er dafür geblockt wurde, hält er für einen Witz. Er schrieb seitenlange Beschwerden an Facebook, in denen er seinen Fall schilderte und mit Screenshots belegte. Eine seiner Mails endete mit einem bitteren Fazit: "Wenn Menschen wie mir die Gelegenheit genommen wird, auf Eurer Plattform gegen Rassisten anzugehen, dann haben diese gewonnen."

Zurück kamen vier Sätze, vorgefertigte Standard-Bausteine. Facebook verwies auf seine Gemeinschaftsstandards, ging nicht auf Jans Fragen ein. Doch offenbar zahlt sich Hartnäckigkeit aus: Eine weitere Mail und sechs Tage später konnte sich Jan plötzlich wieder einloggen. "Ich habe das nur zufällig bemerkt", sagt er. "Es gab keinen Hinweis, keine Nachricht, keine Begründung. Nichts. Für mich fühlt sich Facebook an wie eine Blackbox. Irgendwo arbeiten da bestimmt auch echte Menschen, aber sie sind einfach nicht greifbar. Niemand redet mit mir."

Am Ende von Kafkas Prozess stirbt Josef K. Er wird in einem einsamen Steinbruch mit einem Fleischermesser hingerichtet. Ganz so schlimm endet Jans Geschichte nicht. Zwei Tage, nachdem Facebook die Sperre überraschend aufgehoben hatte, wurde er erneut blockiert. Diesmal war der Grund klar: Er hatte sich nicht mit seinem echten Namen angemeldet. Ob Jan einen erneuten Anlauf unternimmt oder sich endgültig von Facebook zurückzieht, weiß er noch nicht.

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