Harald Welzer: "Die smarte Diktatur" Schafft Bolzplätze statt Free-Wifi-Zonen!

Die Diktatur des Digitalen macht denkende Menschen zu Laborratten, sagt der Soziologe Harald Welzer. Aber Alternativen zum kollektiven Sucht-Griff zum Handy bleibt er schuldig.

Von Dorion Weickmann

Der Soziologe Harald Welzer ist ein kluger Kopf und außerdem eine Art Popstar der Branche: authentisch wie Herbert Grönemeyer, widerspenstig wie Campino, angriffslustig wie Harald Schmidt. Wer Welzers Streitschrift "Die smarte Diktatur" liest, der fühlt sich jedenfalls so, als kriege er auf jeder Seite eins auf die Mütze. Smartphone, Tablet, Auto mit GPS - der elektronisch ausgestattete Leser ist nach Ansicht des Autors ein typischer Vertreter der "sedierten Zivilgesellschaften" des Westens. Diese gleichen "emotionale Defizite durch Hyperkonsum und Selbstverdummungsprogramme" aus, und ihre Bürger vollbringen "das historisch einmalige Kunststück, sich selbst in Freiheit zu versklaven".

Stimmt alles, wie jeder weiß, der in Bus, Bahn, Flugzeug den kollektiven Sucht-Griff zum Handy registriert und Panik aufsteigen spürt, sobald er ohne Wlan urlauben muss. Harald Welzer hält uns also den Spiegel vor und protokolliert unsere Sünden. Denn der Mann ist ein Idealist. Er glaubt an das große Projekt der Aufklärung, an soziale Gerechtigkeit, eine bessere Welt - und an ein Leben offline. So ist sein Buch bestens als Besinnungslektüre für den dauerchattenden Nachwuchs geeignet. Zumal es sich durch satten Sound anstelle wissenschaftlich nüchterner Sprechblasen auszeichnet.

Harald Welzer: Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit. S.Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2016, 320 Seiten, 19,99 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

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Freilich ist das, was der Autor an Beobachtungen und Einsichten ausbreitet, jedem halbwegs informierten Zeitgenossen bekannt. Nur macht Welzer besonders griffige Botschaften daraus, etwa: "Digital ist fossil". Das heißt, die IT-Industrien sind Rohstoff-Fresser, ihre Erzeugnisse verschlingen endlos Energie, und jeder Stromausfall führt zum Kollaps.

Über Hard- und Software, ja den ganzen Kosmos des Virtuellen herrschen Ultrakapitalisten, die Menschheitsbeglückung heucheln - "Arschlöcher" in Welzers Nomenklatur. Und der Konsument arbeitet ihnen zu, weil er mit jeder per Tastatur getätigten Bestellung den Überwachungsapparat des World Wide Web bedient: "Sie sind die Laborratte, die die Daten liefert, mit deren Hilfe Sie manipuliert werden." Auch das ist keine neue Erkenntnis. Aber was folgt daraus?

Das Online-Syndrom zersetzt auch die soziale Ordnung der Demokratie

Interessant wird Welzers Manifest, wo es globale und gesellschaftspolitische Sichtachsen freilegt. So ist die Abschaffung der Privatheit, die wir per Netzklick betreiben, der entscheidende Hebel für die Wirksamkeit aller totalitären Systeme: Jede Regung wird in die Öffentlichkeit gezerrt, nichts bleibt verborgen. Je stärker die digitale Aufrüstung um sich greift, desto aussichtsloser kämpfen die gläsernen Untertanen real existierender Autokratien um politische Teilhabe.

Leseprobe

Einen Auszug aus Welzers Streitschrift stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Zugleich zersetzt das Online-Syndrom auch die soziale Ordnung der Demokratie, weil es die Bürger mit Lebensersatz-Substanzen vollpumpt und in Ego-Junkies verwandelt, die sich kaum noch ums Gemeinwesen scheren. Schließlich ist der Verlust der Kindheit zu beklagen: Welcher Knirps kann sich dem Zugriff IT-bewaffneter Helikopter-Eltern, der Vereinnahmung durch Spielkonsolen und schulische Smartboards entziehen?

Mit Harald Welzer möchte man fordern: Schafft Bolzplätze statt Free-Wifi-Zonen! Außer größtmöglicher Netzabstinenz bleibt der streitbare Autor allerdings in puncto Abhilfe konkrete Ideen schuldig. Was ihm als Alternative zum Surf-Exzess gerade noch einfällt, sind die spaßgetriebenen Anti-AKW-Demos seiner Jugend, nach dem Motto: Hauptsache, ihr kriegt den Hintern hoch!

Pubertärer Amüsiertrieb lässt sich jedoch auch im Pegida-Protestzug befriedigen, die Sehnsucht nach "Gemeinschaftlichkeit" ebenfalls. Was die Mobilisierung der Massen betrifft, kritisiert Harald Welzer zu Recht die Ökologie-Bewegung dafür, dass sie bis heute keine Utopie, keinen sinnstiftenden Zukunftsentwurf zustande gebracht hat. Unter Beschwörung apokalyptischer Schreckensszenarien - Klimawandel! Ressourcenverschwendung! - appelliert sie seit Jahrzehnten ans staatsbürgerliche Gewissen.

Welzer selbst tappt freilich auf andere Weise in die gleiche Falle, indem er lauter Gefahren beschreibt und die Gegenwart in binäre Muster - online ist negativ, offline ist positiv - packt. Trotzdem liefert seine Abrechnung mit der IT-Diktatur, der wir uns willfährig beugen, viel Stoff zum Nachdenken. Und das macht schon mal mächtig viel Spaß.