Handymarke Vertu Bye-bye Bling-Bling

338 625 Dollar kostete dieses Handy, das Vertu 2007 präsentierte. Der britische Hersteller hat die Reichen im Visier, doch die halten sich offenbar zurück.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Die Luxus-Handymarke Vertu steht vor dem Aus. Sie veredelte Geräte mit Gold und Diamanten. Doof nur, dass Smartphones schnell altern.

Von Stephan Radomsky

Diamanten, Titan, Gold, edles Leder von Kalb, Krokodil oder Strauß, alles von Hand verarbeitet: Keine Frage, Produkte von Vertu sind Luxusartikel. Und die können schon mal an die 20 000 Euro kosten, Listenpreis versteht sich. Sonderwünsche werden auch erfüllt, gegen Aufpreis. Dumm nur, dass es sich bei Vertus Produkten um Handys handelt - und weil die schnell veralten, kaputtgehen oder geklaut werden, betrachten sie nur wenige als vernünftige Geldanlage. Zu wenige, offensichtlich, denn Vertu muss seine Manufaktur in Church Crookham in der englischen Grafschaft Hampshire schließen. 200 Angestellte verlieren ihren Job, wie ein Sprecher bestätigte. Die Manufaktur steckte bereits seit Monaten in einem Insolvenzverfahren unter Zwangsverwaltung.

Die Luxus-Handy-Schmiede stecke in einer "eingehenden, detaillierten Reorganisation unseres Geschäfts", sagte der Sprecher weiter. Die eigenen Boutiquen sollten aber weiterbetrieben und die Läden sogar neu möbliert werden. Außerdem würden gerade die Lagerbestände aufgefüllt. Woher das Geld und die Ware dafür kommen, sagte er nicht.

Von Anfang an galten die Telefone bei allem Protz als technisch bescheiden

Das Aus der Manufaktur ist nur die jüngste Krise in der sowieso nicht gerade ruhigen Firmengeschichte. 1998 vom damaligen Handy-Weltmarktführer Nokia gegründet, bringt Vertu 2002 sein erstes Telefon auf den Markt. Von Anfang an gelten die Telefone als technisch eher bescheiden, dafür aber ziemlich angeberisch. Später verpasst Vertu dann auch noch den Smartphone-Trend: Das erste Gerät mit Touchscreen kommt im Herbst 2011 auf den Markt, geschlagene vier Jahre nach Apples erstem iPhone. 2012 dann verkauft Nokia, bereits selbst tief in der Krise, seine Luxus-Tochter an einen Finanzinvestor. Es folgen mehrere Weiterverkäufe, zuletzt im März an Murat Hakan Uzan, einen schillernden, in Paris lebenden türkischen Geschäftsmann.

Das aktuelle Modell läuft mit der vorletzten Android-Generation

Der kauft sich mit Vertu aber laut Medienberichten unwissentlich auch fast 130 Millionen Pfund an Schulden ein. Daraufhin geht die Manufaktur in Hampshire in die Insolvenz, Uzan will sie anschließend billig zurückkaufen. Das aber scheitert, nun wird das Werk abgewickelt.

Mit Vertu hat Uzan trotzdem noch Großes vor, ihm gehören auch die Markenrechte, Designlizenzen und die Technologie des Unternehmens. Nun sollen neue Märkte in Lateinamerika erschlossen werden und "eine Reihe neuer, aufregender Dienste" eingeführt werden, kündigt der Sprecher jedenfalls an. Wo die nötigen Handys dafür herkommen sollen und mit welcher Technik sie arbeiten werden, lässt er offen. Das aktuelle Vertu-Modell läuft noch mit der vorletzten Generation des Google-Betriebssystems Android. Schwer vorstellbar, dass die verwöhnte Kundschaft dafür Tausende Euro zahlt - Diamanten, Gold und Leder hin oder her.

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