Bald soll es so weit sein: Fußballspiele live aufs Handy! Auf der CeBIT in Hannover wurde das Spiel Wolfsburg gegen Bayern übertragen, auch WM-Spiele sollen aufs Mobiltelefon. Ein Test
In Deutschland gibt es eine Kultur des Fußball-Fernsehens. Mit Kumpels in der Kneipe, der Fernseher hängt in der Ecke. Oder auf einem öffentlichen Platz, das Spiel wird auf einer Großleinwand gezeigt. Oder beim Grillen im Garten, meterlange Kabel sorgen für besten Empfang. Fußballschauen ist immer eine Form der Gemeinschaft: zusammen mit anderen das Spiel genießen (oder sich ärgern), dazu eine Bratwurst und ein Bier.
Alles zu erkennen: Der Bildschirm ist groß genug. (© Foto: AP)
Anzeige
Fernsehen auf dem Handy ist das Gegenteil davon, ganz allein sitzt man vor dem Mobiltelefon. Dafür hat es einen anderen Vorteil: Immer und überall ist Fußballschauen möglich. Im Zug, im Schwimmbad, beim Picknick. Was für eine Erleichterung wäre das für den geplagten Familienvater gerade zur Zeit der Fußball-Dauerberieselung während der Weltmeisterschaft. Die Kinder toben im Wasser, die Frau sonnt sich auf der Wiese, und auf dem Handy läuft dennoch ein Spiel.
Ganz klar: Fußballspiele auf dem Mobiltelefon werden eine Notlösung bleiben. Wenn ein Fernseher oder eine Großleinwand in der Nähe ist, wird sich der Fan immer für die größere Variante entscheiden. Wenn diese aber fehlt, bleibt nur der Griff zum Telefon. Microsoft hat das versucht. Am CeBIT-Samstag wurde das Bundesliga-Spiel zwischen Wolfsburg und Bayern München live aufs Handy übertragen, um die Qualität vorzuführen.
Schwer vorstellbar, ein Fußballspiel auf dem Mini-Bildschirm zu verfolgen. Dazu sind Handy-Displays hochformatig, wie soll das denn gehen? Und was ist mit Ton? Diese Fragen stellt sich der Fan, als er zum Stand schlurft, um das System zu testen.
Dann aber die Überraschung: Das Handy wird um 90 Grad gedreht, Sound kommt über Kopfhörer. Und tatsächlich: Das Spiel ist zu erkennen, problemlos lassen sich die Mannschaften auch in der Totalen identifizieren. Sogar einzelne Spieler und den Ball erkennt man. "Das war jetzt Ballack, oder?", sagt eine Frau. Allerdings ist unklar, ob das Display für sie zu klein war oder sie den Bayern-Star gar nicht kannte. Der Bildschirm also ist überraschend gut, selbst nach einiger Zeit ist noch niemand genervt. Nur bei allzuschnellen Kamerabewegungen ruckelt es ein wenig, was in spielentscheidenden Situationen unpassend sein kann.
Das könnte an der Übertragungsrate liegen, die Microsoft und Partner Condat gewählt haben. Sie setzen auf Digital Video Broadcasting Handheld (DVB-H) mit der typisch niedrigen Übertragungsrate von 300 kBit pro Sekunde. Andere Anbieter haben sich für Digital Multimedia Broadcasting (DMB) im Format Mpeg-4 entschieden. Über diese Frage tobt im Moment ein Krieg, unklar bleibt, welches sich durchsetzen wird.
DMB verfügt über den enormen Vorteil, dass es auf der bereits bestehenden Infrastruktur für digitales Radio, aufbaut. Damit wäre eine flächendeckender Einführung schnell und kostengünstig denkbar. Für das Handy-Fernsehen würden einfach Radio-Frequenzbereiche genutzt. Allerdings können höchstens drei bis vier TV-Programme über DMB ausgestrahlt werden.
Da kann DVB-H klotzen: Bis zu 20 Sender könnten darin unterkommen. Vor allem aber verfügt DVB-H über einen digitalen Rückkanal. Damit sind interaktive TV-Sendungen realisierbar - also Wetten auf das Spiel, das gerade läuft oder eine Blitztabelle oder ein Fan-Chat. Damit ließe sich zusätzliches Geld verdienen. Hinderlich ist bei DVB-H jedoch, dass ein landesweiter Aufbau des Netzes sehr aufwändig wäre.
Technik hin oder her, über die wichtigste Frage haben sich die Anbieter im Moment nur wenige Gedanken gemacht: Funktioniert es bis zur Fußball-Weltmeisterschaft? Kann ich im Zug von München nach Frankfurt das Deutschland-Spiel sehen? Darüber streiten die Experten, was für den Endkunden nichts anderes bedeutet als: Die WM kommt einige Monate zu früh. Entweder sind Funklöcher möglich, was äußerst ungüstig ist bei dem Versprechen, immer und überall sehen zu können. Oder die Bilder leiden qualitativ, weil der Datenstrom doch zu groß ist.
In den Testgebieten funktioniert Handy-TV schon sehr gut. Doch darum geht es nicht. Nicht auf dem Marienplatz in München oder am Hamburger Jungfernstieg möchte der Fan gucken, dort gibt es Fernseher und Großleinwände en masse. Im Zug kurz vor Aschaffenburg muss es funktionieren, da aber gibt es traditionell Funklöcher. Am Starnberger See. In Brandenburg. Dort aber hakt es.
Deshalb sind die Endkunden noch zurückhaltend. Einer Studie von TNS Infratest zu Folge planen nur zwei Prozent der Befragten, Handy-TV überhaupt nutzen zu wollen. Fußball-Nutzer gäbe es noch weniger. "Die alten Fernsehgewohnheiten" und "technische Bedenken" sind die Hauptgründe.
Wenn bei einer Fernsehsendung einmal zehn Sekunden das Bild weg bleibt, ist es ärgerlich, vielleicht aber ertragbar. Wenn der Fan aber zwei Tore deshalb verpasst, wird er beim nächsten Mal nicht mehr einschalten. Und so lange werden Live-Übertragungen von Fußballspielen Zukunftsmusik bleiben.
(sueddeutsche.de)
Rekord in Deutschland