Hacker-Kongress 31C3 Grund zur guten Laune

Ein mit Stickern beklebter Laptop, den ein Teilnehmer des 29. Jahreskongresses des Chaos Computer Clubs (CCC) 2012 benutzte.

(Foto: dpa)
  • Auf dem Hacker-Kongress 31C3 in Hamburg rechnen die Veranstalter mit 12 000 Besuchern.
  • Die Hacker-Community sieht sich nach dem NSA-Skandal und den Enthüllungen von Edward Snowden in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
  • Bei den Vorträgen wird unter anderem gezeigt, wie leicht der bisher als sicher geltende Mobilfunkstandard UMTS-Standard zu knacken ist - und dass auch Fingerabdruckscanner mit einfachen Mitteln zu überlisten sind.
Von Hakan Tanriverdi, Hamburg

"A new dawn", so lautet das Motto des Hamburger Hacker-Kongresses 31C3. Doch bevor man auch nur einen Gedanken weiterdenken kann, muss man erst diese Melodie zu Ende summen: "It's a new dawn, it's a new day, it's new life. For me." Das sang Nina Simone 1965, und sie fügte noch hinzu: "And I'm feeling good."

Die gute Laune kommt also mit der neuen Dämmerung. Womit man wieder beim an diesem Samstag beginnenden Hacker-Kongress wäre, der vom Chaos Computer Club (CCC) veranstaltet wird. Jan Girlich, ein Sprecher des CCC, begründet die gute Laune so: "Unser Motto ist eine positive Nachricht. Wir haben eine Zeit hinter uns, in der wir festgestellt haben, was genau alles kaputt ist. Geheimdienste; Staatsapparate, die nicht wirklich versuchen, dagegen vorzugehen."

Die NSA-Affäre, das verhaltene internationale Echo darauf oder die britische Regierung, die den Guardian dazu zwingt, Festplatten zu zerstören. Auch in Deutschland wird die Arbeit des NSA-Ausschusses von der Bundesregierung aktiv behindert. "Dennoch beginnt nun eine Phase des Aufbruchs. Wir haben genug Informationen und Verständnis darüber, was abgeht. Wir können jetzt anfangen und schauen, was gefixt werden muss", so CCC-Sprecher Girlich.

Enthüllungen gehören zum Programm

Das Programm belegt, dass es den Organisatoren wieder gelungen ist, viele außergewöhnliche Redner nach Hamburg zu holen. So wird zum Beispiel Bill Scannell auftreten, der in den 1980er Jahren auf dem Berliner Teufelsberg für den US-Geheimdienst arbeitete. Auch James Bamford hält einen Vortrag: Er war ebenfalls einst NSA-Analyst, später Whistleblower, heute Journalist, der mittlerweile als "Mister NSA" gilt.

Zum Kongress gehört auch, dass in den Vorträgen so genannte "first disclosures" enthalten sind, also Enthüllungen. In diesem Jahr wird es zum Beispiel zwei Reden darüber geben, dass der bisher als sicher geltende Mobilfunkstandard UMTS knackbar ist. Ein Forscher empfiehlt den Bürgern deshalb, das Handy am besten wegzuwerfen (die Süddeutsche Zeitung konnte bei einem der Tests dabei sein, mehr in diesem Artikel).

Beim Kongress wurde auch beschrieben, dass anscheinend ein Foto von der Hand eines Menschen ausreicht, um daraus einen "klaren und eindeutigen" Fingerabdruck zu erzeugen. Die dazu nötige Software gibt es für 400 Euro zu kaufen, wie Zeit Online berichtet. So können Fingerabdruckscanner ausgetrickst werden. "Mit der Sicherheit von Fingerabdrucksystemen ist es damit endgültig vorbei", sagt Jan Krissler zu Zeit Online. Krissler ist einer der Experten, die an der Technischen Universität in Berlin Sicherheitsverfahren erforschen.

Das alles klingt eher nach deprimierender Nacht als nach morgendlicher Dämmerung. Aber der CCC baut auf Entwicklung: Nach den Enthüllungen rund um die Dokumente, die Edward Snowden an Journalisten weitergegeben hat, wussten viele Technikkonzerne in den ersten Wochen und Monaten nicht, wie sie damit umgehen sollen. Staaten hingegen arbeiteten wie unverändert weiter daran, ihre Kontrolle über das Internet zu festigen. Das ist so in der Türkei, in Russland, Großbritannien und auch in Deutschland.

In der Technik-Szene und bei Firmen wie Google, Facebook und Microsoft scheint die erste Schockstarre überwunden zu sein. Sie arbeiten auf zwei Ebenen. Sie beschweren sich einerseits lautstark (solange sie nicht etwa durch eine "Gag Order" zum Schweigen gezwungen werden) über das Vorgehen der Regierung und andererseits verbessern sie das technische Fundament. Verbindungen, die vorher unverschlüsselt gewesen sind, zum Beispiel zwischen den Datenzentren von Google, sind es nun nicht mehr. Whatsapp hat quasi über Nacht dafür gesorgt, dass 600 Millionen Menschen so kommunizieren, das kein Geheimdienst mitlesen kann. Es wird verstärkt darüber nachgedacht, das Internet zu dezentralisieren.

Die Organisatoren rechnen mit 12000 Besuchern

In Deutschland gehört der Chaos Computer Club zu den lautesten Kritikern der Staatsüberwachung - 2011 analysierte er zum Beispiel den so genannten Staatstrojaner. Dieser ermöglichte einen umfassenden Zugriff auf die Computer von verdächtigen Personen: E-Mails abfangen, Bildschirm abfotografieren, all das war möglich. Der Trojaner wurde nach der CCC-Analyse nicht mehr eingesetzt, die Bundesregierung arbeitete in den vergangenen Jahren an einer eigenen Version, die daran gebunden ist, was das Bundesverfassungsgericht erlaubt.

Auch in der NSA-Affäre hat sich der CCC eingeschaltet und Strafanzeige gegen die Bundesregierung erstattet. NSA-Skandal, Strafanzeigen und Staatstrojaner-Analysen, das alles führt dazu, dass der CCC sich als Organisation kontinuierlich einmischt, wenn die Gesellschaft über Überwachung redet. Das lässt die Mitgliederzahlen steigen: "Der ganze Snowden-Skandal und unsere Aufklärungsversuche tragen sehr stark dazu bei, dass die Leute sich für uns interessieren", sagt CCC-Sprecher Girlich.

Auch deswegen kommen immer mehr Besucher zum 31C3-Kongress. Vergangenes Jahr waren es 9000. In diesem Jahr habe man allein im Vorverkauf 8500 Tickets verkaufen können. "Wir gehen davon aus, dass wir bis zu 12000 Besucher haben werden", sagt Girlich. Insgesamt gibt es mehr als 130 Vorträge. Im allerersten Vortrag heißt es dann auch, dass die Hacker-Community in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei.

Der Kongress ist eine Art Transparenz-Maschine. Wenn Forscher zeigen, wie Systeme geknackt werden können, wenn Ex-NSA-Mitarbeiter über deren Machenschaften berichten und über ihre Geisteshaltung, dann verbreitet sich ihr Wissen. In diesem Sinne ist Unwissen die Dunkelheit. Die Dämmerung bedeutet: Es muss besser werden.