Hacker-Abwehr der Bundesregierung Kraftlos gegen Cyber-Viren

Ein Cyber-Abwehrzentrum für Deutschland: Die Bundesregierung nimmt den Kampf gegen Computerhacker auf. Doch ernstzunehmende Angreifer, seien es Geheimdienste oder auch versierte Garagen-Hacker, stürzen sich nicht auf die bekannten Sicherheitslücken. Sie suchen nach neuen Wegen.

Ein Kommentar von Paul-Anton Krüger

Innenminister Hans-Peter Friedrich hat das Cyber-Abwehrzentrum des Bundes eröffnet. Der PR-Termin soll signalisieren, wie ernst die Regierung die Bedrohung aus dem Internet nimmt. Angesichts der jüngsten Hacker-Attacken ist aber zu befürchten, dass die neue Behörde der Dimension des Problems nicht gerecht wird. Schon deren Personalstärke weckt Zweifel: Ein Dutzend Mitarbeiter hat das Zentrum in Bonn.

Bedrohung aus dem Internet: Die neue Behörde wird den Angriffen nicht gerecht.

(Foto: dpa)

Da ist die IT-Sicherheitsabteilung jedes mittleren Unternehmens größer, von den Cyber-Einheiten des US-Militärs nicht zu reden. Auch der Name der Einrichtung führt in die Irre: Sie soll nicht aktiv Attacken abwehren, sondern sie beobachten und auswerten und Behörden und Unternehmen Ratschläge geben, wie sie mit einem Angriff umgehen sollen.

Eigentlich müsste man von einem Zentrum zur Schadensbegrenzung oder Analyse reden, denn wenn Cyber-Angriffe entdeckt werden, ist es meistens zu spät: Die Daten sind dann geklaut, die Steuerung einer Industrieanlage manipuliert, im Extremfall ist die Wasser- und Stromversorgung ausgefallen.

Natürlich ist es nötig, nach Angriffen die Schwachstellen von Computernetzen und Programmen zu analysieren, um sie zu schließen. Doch ernstzunehmende Angreifer, seien es Geheimdienste oder auch versierte Garagen-Hacker stürzen sich nicht auf die bekannten Sicherheitslücken. Sie suchen nach neuen Wegen.

Oft werden vor allem ausgefuchste Angriffe nicht einmal entdeckt, abgewehrt werden können sie erst recht nicht. Wer sich wappnen will gegen solche Gegner, kommt nicht umhin, systematisch nach Schwachstellen zu suchen, gar selbst an Viren und Würmern zu forschen, die offensives Potential haben.

Das Problem ist vergleichbar mit der Abwehr von Biowaffen: Impfstoffe lassen sich nur entwicklen, wenn man die Krankheitserreger kennt. Und wer nur einen Impfstoff gegen ohnehin bekannte Keime hat, ist zweifellos verwundbar.

Doch wenn die Regierung bewusst mit Viren und Würmern experimentiert, birgt das natürlich die Gefahr des Missbrauchs. Und es gibt ein weiteres, grundlegendes Dilemma: Vor allem Geheimdienste, spezielle Einheiten des Militärs und Rüstungsfirmen betreiben diese Art Forschung.

Das ist nicht nur in den USA so, sondern auch hierzulande. Ihr Interesse aber ist es, eigene Waffen für den Kampf im Netz zu entwicklen - am besten solche, gegen die potentielle Gegner keine Abwehr kennen, die also unbekannte Sicherheitslecks ausnutzen. Denkbar, dass ein Land einen Cyber-Angriff erleidet, dessen Abwehr möglich gewesen wäre - wenn das eigentlich vorhandene Wissen auch für die Abwehr eingesetzt worden wäre.

Experten sagen, solche Konflikte gebe es jeden Tag. Doch wann muss der kostbare Informationsvorsprung genutzt werden, um die Allgemeinheit zu schützen? Wie die Regierung diese Entscheidung trifft und wie das Parlament sie kontrollieren will, dazu würde man von Friedrich gerne etwas hören.