Grenzdebatte wegen Online-Karte Google schrumpft Deutschland

Der Stadt Emden in Ostfriesland ist der Hafen abhandengekommen: Laut Google Maps gehört er teilweise den Niederlanden. Bürger und Stadt protestieren - es ist nicht Googles erster Grenzfehler.

Von Michael König und Johannes Kuhn

Ein militärischer Konflikt bahnte sich an, damals, im Oktober 2010. Eine Einheit der nicaraguanischen Armee überquerte den Fluss San Juan und schlug ihr Zeltlager auf einer Insel namens Calero auf. Im Nachbarland regte sich wütender Protest: Eine "Invasion" sei das, sagte die Präsidentin Costa Ricas, Laura Chinchilla. Offiziellen Karten zufolge gehört die Insel zu ihrem Land. Doch der nicaraguanische Kommandeur fühlte sich im Recht - er berief sich auf Google Maps, wo die Grenze falsch eingezeichnet ist. Bis heute ist der Streit nicht geklärt - mittlerweile befasst sich der Internationale Gerichtshof in Den Haag mit der Grenzfrage.

Google-Satellitenansicht von Emden mit falscher Grenze: niederländisches Hafenbecken.

(Foto: Screenshot)

Etwa 10.000 Kilometer von Calero entfernt können sie eine ähnliche Geschichte erzählen. Im Rathaus der niedersächsischen Stadt Emden fühlt man sich ebenfalls als Opfer des Suchmaschinenkonzerns. Seit etwa einem Jahr versucht Emden, seinen Hafen zurückzubekommen. Der gehört laut Google Maps teilweise den Niederlanden - die Grenze verläuft auf den Karten des Online-Dienstes mitten durch das Hafenbecken.

Zwar ist der genaue Grenzverlauf zwischen den Nationen im Dollart - einer Nordseebucht - und in der Emsmündung seit Jahrhunderten umstritten. Laut den Niederländern verläuft sie in der Mitte der Emsmündung. Die Deutschen berufen sich auf einen Lehnsbrief auf dem 15. Jahrhundert und sehen die gesamte Flussmündung als ihr Gebiet an. In keiner der beiden Versionen reichen die Niederlande aber so weit in deutsche Gewässer hinein wie bei Google Maps.

Während die niederländische Gemeinde Delfzijl auf Anfrage von sueddeutsche.de lapidar mitteilt, die Grenze sei eben umstritten und werde es wohl noch lange sein, ist man auf der anderen Seite des Flusses not amused. "Äußerst misslich", findet der Pressesprecher der Stadt Emden, Eduard Dinkela, die Angelegenheit. Dass der Google-Konkurrent Bing von Microsoft die deutsche Grenzauffassung eingezeichnet hat, ist ein schwacher Trost.

Google zufolge müssten die Einwohner der Stadt Emden nur ins Wasser springen, schon wären sie auf niederländischem Gebiet. Auch wäre die alte Nesserlandschleuse nicht deutsch - dabei liegt sie mitten im Emder Hafenbecken.

Das ist wohl auch der Grund, weshalb im Emder Rathaus Beschwerden von Bürgern eingegangen sind. Die Stadt wandte sich vor etwa einem Jahr erstmals an Google - ohne Erfolg: "Wir haben keinerlei Reaktion erhalten", sagt Pressesprecher Dinkela. "Google ist eine der größten Kommunikationsplattformen im Internet, aber wenn man ein Anliegen hat, bekommt meine keine Antwort." Die Stadt will nun das Land Niedersachen um Hilfe bitten.

Große Entschuldigung, nichts verändert

Google betont, sich bei den Grenzdaten auf eine Vielzahl von Informationen zu berufen, beispielsweise lokale Kartenprovider oder andere maßgebliche Quellen. Auf mögliche Fehler angesprochen, antwortet Pressesprecher Stefan Keuchel in bestem Diplomatendeutsch: "Wir arbeiten hart, um die Daten, die wir von unseren Lieferanten erhalten, sorgfältig und objektiv zu interpretieren und potentielle Verzerrungen zu korrigieren. Wir sind immer gerne bereit, Fragen hierzu mit Regierungen und Organisationen zu diskutieren."

Im Falle Emdens will Google nach der Anfrage von sueddeutsche.de nun ebenfalls endlich nachbessern: Man werde den Fall "umgehend und sorgfältig prüfen und Anpassungen vornehmen", verspricht Pressesprecher Keuchel und versichert: "Wir kümmern uns darum."

Das hatte der Konzern allerdings schon im Grenzstreit zwischen Nicaragua und Costa Rica versprochen. Niemand sei perfekt, entschuldigte sich Googles Lateinamerika-Sprecher damals. Und: "Kein Land sollte diese Karte benutzen, um in ein anderes einzumarschieren." An der virtuellen Grenzziehung hat sich entgegen den Beteuerungen Googles allerdings auch drei Monate nach der "Invasion" nichts geändert.

Zumindest eine solche Eskalation wird Emden erspart bleiben. Angesichts der nicht endgültig zu klärenden Grenzfrage kümmern sich Niedersachsen und Niederländer gemeinschaftlich um die Emsmündung - "im Geiste guter Nachbarschaft", wie es in einem Vertrag aus dem Jahre 1960 heißt.