Googles Browser "Chrome" Glänzender Angriff

Vor einigen Jahren hat es schon mal einen "Browserkrieg" gegeben. Die Rivalen damals: Microsoft und Netscape. Jetzt könnte es eine Neuauflage geben - Microsoft bekommt es nun mit dem Branchenriesen Google zu tun.

Der neue Browser Chrome, der heute um 21 Uhr deutscher Zeit weltweit in einer Testversion live geschaltet werden soll, wird unter Experten als Frontalangriff gegen Microsoft gewertet. Der Browser, mit dem Nutzer durchs Internet navigieren und immer öfter auch Software bedienen können, soll aber offenbar nicht nur den derzeit erdrückenden Marktanteil von Microsofts Internet Explorer zurückdrängen.

Mit diesem Logo präsentiert sich Googles neuester Coup: Der Browser Chrome.

(Foto: Foto: dpa)

Am klarsten formuliert das wohl Michael Arrington vom einflussreichen Technologie-Weblog TechCrunch: Zwar verpacke Google sein neues Produkt hinter gefühligem Gerede über einen besseren Browser für die Internetnutzer. In Wahrheit aber seien diese warmen Worte nur eine Schicht Farbe über dem monumentalen Hass, den Google gegen Microsoft hege.

Zwar scheine es, als sei Chrome eine Konkurrenz für den Internet Explorer und den Firefox. "Aber das wahre Ziel ist Windows", so Arrington. Denn mit seinem Browser will Google auch ein technisches Fundament für seine Online-Anwendungen bauen, die unmittelbar mit Programmen wie Microsoft Office im Wettbewerb stehen. Mit Chrome werde jeder Bereich des Rechners erreicht und damit könne der User kontrollieren, wie Applikationen funktionieren.

Ein wichtiges Geschäft

Google könne es sich nicht erlauben, das Geschäft mit den Browsern dem Zufall zu überlassen, meint Om Malik vom Tech-Blog GigaOm. Sowohl der Online-Werbemarkt als auch Software über das Internet verzeichnen große Wachstumsraten.

Google ist derzeit die dominierende Kraft bei Werbung im Internet und bietet neben seiner Suchmaschine zahlreiche weitere Programme und Dienste an - von E-Mail über Bürosoftware bis hin zum virtuellen Globus Google Earth. In allen Bereichen konkurriert das Unternehmen mit dem Software-Hersteller Microsoft.

Mehr als 72 Prozent aller Internet-Anwender nutzen nach der jüngsten Erhebung von Net Applications den Microsoft-Browser, um im Internet zu stöbern. Wirkliche Konkurrenz hat Microsoft in diesem Bereich also nicht - allerdings: in jüngster Zeit hat vor allem der freie und quelloffene Browser Firefox von Mozilla an Popularität gewonnen. Sein Marktanteil liegt den Erhebungen zufolge bei etwa 20 Prozent.

Viele Anwendungen für Chrome

Technologisch stellt sich Google nun an die Seite von Apple. Der kalifornische Elektronikkonzern erreicht mit Safari immerhin noch einen Anteil von gut sechs Prozent. Chrome setzt wie Safari auf dem von Apple koordinierten Open-Source-Projekt WebKit auf, das unter anderem in Nokia-Handys, dem iPhone von Apple sowie dem Mobilfunksystem Android von Google verwendet wird.

Google formuliert die Ankündigung zu seinem neuesten Projekt ganz zahm: Besseren Service soll der Browser bieten, schneller sein und bedienerfreundlicher. Wegen der Unzulänglichkeiten der bisher verwendeten Software habe man sich zur Entwicklung von Chrome entschlossen. Komplexe Web-Anwendungen sollen deutlich besser laufen und der Browser insgesamt nicht mehr abstürzen, wenn sich einzelne Tabs verabschieden. Nutzer sollen zudem einstellen können, welche Nutzerdaten der Browser speichert - etwa die Historie der besuchten Websites.

Der Quellcode von Chrome werde wie bei Firefox offen sein, betonte Google - damit kann die Software von Programmierern frei weiterentwickelt werden. Chrome nutze zum Teil dieselben Bauelemente wie Firefox und Safari, hieß es. Damit sind viele Entwickler technisch in der Lage, an dem Projekt mitzuarbeiten.

Der Markt ist umkämpft

Auch wenn die Marktanteile eine klare Sprache zu sprechen scheinen: Der Browser-Markt ist stark umkämpft, wie Microsoft-Manager Dean Hachamovitch der New York Times sagte. Er zeigte sich aber überzeugt, dass sein Unternehmen die Nutzer mit dem bald verfügbaren Internet Explorer 8 überzeugen könne. Microsoft hatte vor einigen Tagen eine zweite Testversion vorgestellt, die Experten auf dem technischen Niveau von Firefox und Safari sehen.

Google konkurriert bereits mit Microsoft: bei Suchmaschinen und bei Internet-Anzeigen. Beide stellen Software für Handys her. Google wird immer starker im Markt bei Anwendungen wie Textverarbeitung, Präsentations- und E-Mail-Programmen - denn Google hat in all diesen Bereichen webbasierte Software, die wenig kostet oder ganz umsonst angeboten wird. Microsoft hingegen verdient mit genau diesen Programmen sein Geld.

Der Erfolg des neuen Programms ist allerdings nicht sicher - denn viele Internet-Nutzer geben sich mit dem zufrieden, was ihr Rechner ihnen liefert. Auf nahezu allen neuen Windows-PCs ist der Internet Explorer von Microsoft vorinstalliert. Apple rüstet seine Macs serienmäßig mit dem Safari-Browser aus.

Microsoft könnte der Sieger sein

Microsoft profitiert auch davon, dass sich die Konkurrenten des Internet Explorers wohlmöglich gegenseitig das Wasser abgraben. So erwarten Beobachter, dass Chrome sich vor allem zulasten des Mozilla-Projektes Firefox verbreiten wird, das bislang von Google gefördert wurde. Mozilla-Chef John Lilly räumte ein, dass Chrome den Konkurrenzkampf zwischen den verschiedenen Web-Browser- Plattformen anheizen werde. "Wettbewerb führt aber häufig zu der einen oder anderen Innovation", schrieb Lilly in seinem Blog.

Die überraschende Ankündigung der neuen Software geht laut Google auf eine Panne zurück - denn das Unternehmen schickte dem Internet-Blog Google Blogoscoped zu früh eine Kopie eines Comics, in dem auf knapp 40 Seiten in anschaulicher Form die Vorzüge von Chrome dargestellt werden sollen. Erst nachdem sich die Information dadurch im Netz ausbreitete, reagierte Google mit der offiziellen Stellungnahme.