Google will Cyber-Brillen einführen Neuigkeiten auf der Nase

Alle wichtigen News direkt vor Augen: Google hat Gläser entwickelt, auf die Inhalte aus dem Netz projiziert werden. Die Cyber-Brillen sollen die Internetnutzung revolutionieren. Damit sind sie aber nur Ausprägung einer Welle, die längst zu rollen begonnen hat.

Von Helmut Martin-Jung

Als der junge Mann sich umwendet, um wie gewohnt die Treppen zur New Yorker U-Bahn hinunterzusteigen, erscheint ein Hinweis vor seinen Augen: "Betrieb auf der Linie 6 derzeit unterbrochen." Ein Klick auf einen Knopf, und es wird eine Karte eingeblendet, auf der der Fußweg zu seinem Ziel bereits farbig markiert ist, dazu der Hinweis: "Gehen Sie in Richtung 17. Straße."

Ein Prototyp des Project Glass, der mit dem Internet verbundenen Cyber-Brille von Google.

(Foto: AP)

In diesem Werbevideo von Google müssen die Menschen nicht mehr ständig auf ihr Smartphone starren, sondern erhalten wichtige News nun über eine spezielle Brille. Ob das Project Glass des Internetkonzerns aber tatsächlich ein Massenphänomen wird, ist noch ungewiss. Google jedenfalls plant, die Cyber-Brille von Ende des Jahres an zum Preis eines Smartphones zu verkaufen.

Das Brillenprojekt - von Google selbst als Experiment tituliert - ist das Ergebnis einer Arbeitsgruppe aus dem streng geheimen Entwicklungslabor Google X. Wie viel sich Google von der neuen Technik erwartet, zeigt nicht zuletzt die prominente Besetzung des Teams: Steve Lee hat für Google Karten- und Lokalisierungsdienste entwickelt, Babak Amir Parviz hat an der University of Washington zuletzt an Kontaktlinsen geforscht, die ähnliche Funktionen ermöglichen sollen wie die jetzt vorgestellte Brille. Und der Deutsche Sebastian Thrun hat sich einen Namen gemacht mit autonomen Fahrzeugen, mit Autos also, die ohne Fahrer auskommen.

Augmented Reality, zu deutsch: erweiterte Wirklichkeit

Die Brille, bei der Inhalte aus dem Internet aufbereitet und auf eine kleine Glasscheibe wenige Zentimeter vor dem Auge projiziert werden, ist jedoch nur die besonders spektakuläre Ausprägung einer Welle, die längst zu rollen begonnen hat. Es geht dabei um die Verbindung der Daten von Sensoren in unserer Umgebung mit gespeicherten Informationen auf den vielen Rechnern des Internets, der sogenannten Cloud. Die Sensoren moderner Handys können heute bereits erfassen, wo wir sind, in welche Richtung wir uns bewegen.

Längst gibt es Programme für Handys, die in das Live-Bild, das die Kamera des Gerätes erfasst, zusätzliche Informationen einblenden oder die erkennen können, um welches Denkmal, Kunstwerk oder Gebäude es sich handelt. Augmented Reality heißt diese Technik, zu deutsch: erweiterte Wirklichkeit. Einige neuere Autos blenden auf der Frontscheibe Informationen ein, etwa Wegweiser-Pfeile aus dem Navigationssystem oder sie warnen den Fahrer, wenn die eingebaute Kamera des Autos ein Schild mit einem Tempolimit erkannt hat.

Zu den Informationen, die eine Vielzahl von Sensoren erfassen, kommen die, die Menschen von sich aus in sozialen Netzwerken veröffentlichen. Facebook hat weltweit etwa 850 Millionen aktive Nutzer, Google gab vor zwei Tagen bekannt, dass man mit dem Konkurrenzprodukt Google Plus die 100-Millionen-Nutzer-Marke erreicht habe. Es liegt auf der Hand, dass aus der Verknüpfung all dieser Daten und Techniken Neues entstehen wird - nur was genau, das wird sich erst dann zeigen, wenn die neuen Techniken massenhaft und über längere Zeit hinweg eingesetzt werden.

Dass dies geschieht, daran haben vor allem Internetkonzerne wie eben Google und Facebook Interesse. Ihr Lebenselixier sind die Daten ihrer Nutzer. Weil sie so viel darüber wissen, ermöglichen sie es Werbetreibenden, Reklame sehr zielgenau zu platzieren. Diese Informationen preiszugeben, das ist die Währung, in der die Nutzer für die neuen Dienste bezahlen müssen.