Google TV Wie Google Glotze und Netz verschmelzen will

Eine Revolution des Fernsehens? Google stellt sein TV-System vor, das Fernsehen und Internet endgültig zusammenbringen soll.

Von Johannes Kuhn

Das Internet und der Fernseher, sie wollten bislang nicht recht zusammenkommen: Wer während einer TV-Sendung mit Freunden über das Geschehen chatten oder sich Informationen zu den Schauspielern besorgen will, muss dafür den Computer anschalten. Diese Zeiten sollen nun vorbei sein.

Immer mehr Hersteller integrieren Internetfunktionen in ihre TV-Geräte, doch es könnte der US-Konzern Google sein, der auch auf diesem Feld das Tempo vorgibt: Am Donnerstag stellte das Unternehmen auf seiner Entwicklerkonferenz I/O in San Francisco Google TV vor.

Eine "neue Plattform, die unserer Meinung nach die Zukunft des Fernsehens verändern wird", versprach Projektleiter Rishi Chandra, Google wolle "das ganze Web ins Fernsehen bringen". Ein Gerät, eine Erfahrung, so die Botschaft - und im Hintergrund Googles Mobilbetriebssystem Android. Im Herbst wird der Elektronikkonzern Sony erste Fernsehgeräte und BluRay-Player mit Google TV auf den Markt bringen, Logitech entsprechende Set-Top-Boxen. Die Chips liefert Intel.

Im Zentrum steht die Suche

Das Prinzip ist dabei einfach: Google TV macht keinen Unterschied zwischen aktuell ausgestrahlten Fernsehsendungen, Internet-Streams oder im Netz verfügbaren Videos. Zentrales Element des Systems ist ein Suchfeld auf dem Fernsehbildschirm. Über dieses kann sich der Zuschauer anzeigen lassen, wann seine Lieblingsserie im TV zu sehen ist, bei welchem Streamingdienst er sie sich herunterladen kann oder ob sie vielleicht sogar auf der Serien-Website kostenlos gezeigt wird.

Auch beim TV-Konsum selbst soll das Internet nun zum integralen Bestandteil werden. Statt zwischen Surfen und Fernsehen wählen zu müssen, sollen beide Funktionen verschmelzen. Optisch funktioniert das durch ein Bild-im-Bild-Verfahren, das auch bei Videorecordern oder DVD-Playern angewendet wird: In der unteren Ecke des Bildschirms wird ein kleines Fenster eingeblendet.

Bei einem Sportereignis kann der Zuschauer so beispielsweise das Geschehen live im Mini-Fenster verfolgen, während er gleichzeitig im Netz nach den aktuellen Statistiken sucht oder nachsieht, was seine Freunde auf Facebook zum Spielverlauf schreiben.

Android-Apps für den Fernseher

Google ist mit seiner Idee kein Pionier: Dienste wie Boxee versuchen sich ebenfalls an der Integration von Web und TV. Mit Google TV, dessen Code frei verfügbar sein wird, schielt der Konzern auf den Werbemarkt: Bereits länger fungiert das Unternehmen als Vermarkter für Fernsehwerbung, das Zusammenwachsen von Fernsehen und Internet bietet die Möglichkeit interaktiver Spots, die Speicherung der TV-Vorlieben von Nutzern eröffnet die Möglichkeit personalisierter Werbeeinblendungen.

Google TV unterstützt zudem alle Android-Apps, die keine Telefonfunktionen beinhalten - ein weiterer Schritt, um dem mobilen Betriebssystem zu Marktanteilen zu verhelfen. Entwicklern soll auch die Möglichkeit geboten werden, TV-Apps zu programmieren.

Die Verschmelzung von Fernsehen und Internet in einem Gerät erscheint folgerichtig und könnte dazu führen, dass der klassische Heim-PC weiter an Marktanteilen verliert. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Bild-im-Bild-Darstellung tatsächlich zu einem einheitlichen Medienerleben führen kann. Die Technik wurde bereits bei Videorecordern als Komfort angepriesen, konnte sich jedoch nie durchsetzen.

Giftpfeile Richtung Apple

Die Google-Verantwortlichen nutzten die Veranstaltung auch zur Vorstellung der nächsten Version des Android-Betriebssystem. Zu den neuen Funktionen des FroYo ("Frozen Yoghurt") genannten Android 2.2 gehört die Synchronisierung verschiedener Android-Geräte über das Internet. Um Musikstücke aus einer MP3-Sammlung vom Computer auf das Handy zu bringen, wird künftig zum Beispiel keine Kabelanbindung mehr nötig sein - die Dateien werden über das Internet kopiert oder gar gestreamt.

Android-Handys können nun auch als Modem fungieren - und so beispielsweise das Surfen auf einem zweiten Gerät ermöglichen, das per USB oder Bluetooth angeschlossen wird. Diese als Tethering bezeichnete Technik erlauben beim iPhone nicht alle Provider, sie gehört aber inzwischen bei vielen neueren Smartphones bereits zum Standard.

Anders als Apple-Produkte werden Android-Handys weiterhin das Multimediaformat Flash erlauben. "Es hat sich herausgestellt, dass die Menschen im Internet Flash benutzen", erklärte der Google-Technikvorstand Vic Gundotra. Es zu unterstützen, bedeute "offen zu sein". Es blieb nicht die einzige kleine Spitze gegen Apple, das inzwischen als Hauptkonkurrent des Konzerns gilt.