Google Nexus 4 Das Ende der Smartphone-Mittelklasse

Das neueste Google-Handy Nexus 4 kann alles, was ein Smartphone können muss. Mehr aber auch nicht. Doch sein Verkaufspreis setzt die Rivalen unter Druck. Auch Apple wird über kurz oder lang die Preise für das iPhone senken müssen.

Von Thorsten Riedl

Schon am ersten Tag ein Kassenschlager? Googles Nexus 4.

(Foto: Thorsten Riedl)

Irgendwann wird es bei "Wetten dass..?" eine Herausforderung der besonderen Art geben: Ein Wettkandidat wird vorschlagen, er könne Hersteller und Marke eines jeden Smartphone benennen - alleine am Aussehen. Und das Publikum wird raunen: Gleichen sich diese Alleskönner inzwischen nicht wie ein Ei dem anderen? Großer Bildschirm, wenige oder auch gar keine Knöpfe mehr, auf dem Rücken ein Lichteinlass für das Objektiv, vielleicht noch ein LED-Blitz dazu. Lassen die sich wirklich nach dem Äußeren unterscheiden? Welch waghalsige Wette.

Es ist natürlich nur ein Gedankenspiel, aber beim ersten Blick auf das Nexus 4, über das derzeit alle Technikbegeisterten reden, fällt auf, dass eigentlich nichts auffällt. Schwarzes Einheitsdesign auf der Vorderseite. Ebenso dunkel strahlt das 4,7-Zoll-Display. Es sind kaum Konturen erkennbar. Auf der Rückseite besagte Öffnung für die Kamera, ein Blitz - und doch noch eine kleine Design-Idee in Form einer Hommage an den seinerzeit spektakulären Bildschirmschoner des allerersten Nexus-Gerätes: unzählige Quadrate, die im Licht schimmern.

Hinten findet sich noch eine der wenigen Besonderheiten des Gerätes: Nicht nur die Vorderseite wird durch das besonders robuste Gorilla Glas in Version zwei geschützt, auch die Rückseite ist damit überzogen. Während eines Kurztestes hielt das Glas, was Hersteller Corning verspricht. Viele Smartphone-Nutzer wissen wohl allerdings aus eigener, leidvoller Erfahrung, was trotz Gorilla Glas ein einzelnes Sandkorn anrichten kann - von einem Sturz ganz zu schweigen. Das ist sicher einer der wenigen Gründe, der Nokia-Ära hinterher zu trauern.

Unter der Haube gibt sich das Nexus 4 abgesehen von der fehlenden LTE-Fähigkeit keine Blöße: moderne Hardware-Komponenten, darunter ein Vierkern-Prozessor, der das Gerät ohne Ruckeln antreibt. Die Hauptkamera löst mit acht Megapixeln auf, die Frontkamera mit 1,3. Alles Standard, wenn auch der gehobenen Art.

Nicht jeden Tag an die Steckdose

Der Akku sticht hervor: Das neue Nexus ist das erste Smartphone, das ich seit Verkaufsstart des iPhone vor fünf Jahren benutzt habe, das nicht jeden Tag nach der Steckdose verlangt. Gerade in diesem Moment zeigt die Batterie nach 14 Stunden mäßiger Nutzung noch einen Ladestand von 75 Prozent. Und wenn es doch mal so weit sein sollte, geht das Laden sogar kabellos an einer speziellen Station.

Nach dem Anschalten sind die wahren Werte des Nexus 4 zu sehen. Es ist das erste Handy, das mit dem Handy-Betriebssystem Android 4.2 ausgeliefert wird. Während Apple-Kunden stets am selben Tag mit neuer Software beglückt werden, müssen Besitzer von Google-Handys warten - in der Regel monatelang, weil jeder Smartphone-Hersteller das Google-System den eigenen Bedürfnissen anpasst.

Käufer eines Nexus-Gerätes kommen dagegen als Erste in den Genuss der jüngsten Google-Entwicklungen. Die Handys sind deshalb bei Technikpionieren und Entwicklern besonders beliebt. Die Neuerungen auf Softwareseite fallen bei Android 4.2 allerdings eher marginal aus: eine neue Benachrichtigungsleiste, eine renovierte Kamera-App, etwas mehr Sicherheit für den App-Store. Kosmetik hier und da, wobei beim Testgerät noch nicht alles reibungslos funktioniert. Ein Software-Update soll Abhilfe verschaffen. Alles schaut recht gefällig aus, Revolutionäres habe ich nicht entdeckt; nichts, was sich nicht schon zuvor per Software-Download aus dem Google-App-Store hätte hinzufügen lassen.

Ansturm auf die neuen Smartphones

Wenig Besonderes also bis dahin - und doch wird das Nexus 4 meiner Meinung nach ein Beben in der Smartphone-Welt auslösen: durch einen Preis, der die derzeitige Mittelklasse im Handy-Segment ausradiert. Wer das neueste Nexus über den Google-eigenen Play-Store ordert, zahlt für eine Version mit Acht-Gigabyte-Speicher gerade mal 299 Euro. Da sich der Platz für Fotos, Videos oder Apps nicht über eine Speicherkarte erweitern lässt, dürften viele zur 16-Gigabyte-Version greifen, die mit 349 Euro zu Buche schlägt.

Kein Wunder, dass beim Verkaufsstart an diesem Dienstagmorgen die Google-Server unter dem Ansturm rauchten. Nach wenigen Minuten war das Gerät in Deutschland ausverkauft.

Die Kollegen von Androidpit haben es schon kurz ausgeführt: Bislang waren Einstiegspreise von mehr als 500 Euro für neue Geräte die Regel. So ist das iPhone 5 für 679 Euro in der 16-Gigaybte-Version in den Markt gekommen, der schärfste Rivale, das Galaxy S3 von Samsung, sogar für 699 Euro. Während das Apple-Gerät sich stabil im Preis hält, ist das S3 inzwischen schon regulär ab 435 Euro zu haben - immer noch 86 Euro mehr als der jüngste Google-Rivale. Und das Nexus steht dem S3 kaum nach.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Googles Nexus-Vorstoß bei den Herstellern wie Samsung oder Sony-Ericsson, die das Android-System in ihren Geräten verwenden, auf Gegenliebe stößt. Einige Hersteller wie ZTE arbeiten daher schon an ihrem eigenen System. Ihnen bleibt ja auch keine Wahl, denn Apple lässt iOS nur für die eigenen Geräte zu, Microsoft ist mit seiner Handy-Software zur Nische verdammt. Blackberry-Hersteller Research in Motion (RIM) wählt das jeweils Schlechteste aus beiden Welten: fährt wie Apple den proprietären Weg - und wird wie Microsoft künftig im unteren einstelligen Prozentbereich der Smartphone-Statistiken rangieren. Wenn überhaupt noch.

Noch vor Weihnachten fallen die Smartphone-Preise

Für die Kunden ist diese Entwicklung mehr als positiv. Wer sich mit dem Gedanken trägt, ein neues Handy zu kaufen, sollte ein paar Wochen warten. Noch vor Weihnachten, so meine Prognose, fallen die Preise deutlich - und zwar für alle Kategorien, vom Einsteiger- über das Mittelklasse- bis zum Highend-Smartphone. Zum Telefonieren und Verschicken von SMS-Nachrichten durchaus taugliche Geräte ohne Smartphone-Betriebssystem gibt es ohnehin schon seit längerem für weniger als 20 Euro.

Auch Apple wird nicht umhin kommen, die Preise anzupassen. Schon im vergangenen Jahr hat der US-Konzern bei der Vorstellung des iPhone 4S das Vorgängermodell nicht vom Markt genommen, sondern günstiger verkauft als Abwehr gegen Billigmodelle. Nun muss der iPhone-Konzern auf den neuerlichen Preisrutsch reagieren. Das iPhone 5 ist fast doppelt so teuer wie das Nexus 4 - das lässt nicht mehr rechtfertigen.

Mittelfristig steuern wir wohl auf eine Google-dominierte Welt der Smartphones zu, wenn das so weitergeht. Schon jetzt läuft Android auf mehr als der Hälfte aller Geräte. Eine Armada gleichförmiger Smartphones wird von uns Besitz ergreifen - wie seinerzeit im Apple-Spot "1984" die Armada von gleichartigen IBM-Personal-Computern.

Damals hat uns Apple gerettet - und wer schafft es dieses Mal?